
Das Entheogen Ayahuasca
Botanik und Phytochemie von Banisteriopsis caapi
Ayahuasca
ist ein Quechua-Terminus (Quechua ist eine indigene Sprache, die von
Millionen Bewohnern des andinen Hochlandes von Peru, Bolivien und Ecuador
(hier Quichua) in einem ihrer Dialekte gesprochen wird) und wird meist mit
"Liane der Toten", gelegentlich auch als "Ranke der Seele" übersetzt.
Ayahuasca ist der vorwiegend in Peru und Ecuador verwendete Name, der sowohl
mehrere verschiedene Spezies der Schlingpflanze
Banisteriopsis
bezeichnet, als auch das entheogene Getränk, das aus Banisteriopsis gewonnen
wird. Im nord-westlichen Amazonasgebiet ist das Halluzinogen meist unter der
Bezeichnung "Yaje" oder "Yage" bekannt, während es in Brasilien oft "Caapi"
genannt wird. Es existieren zahlreiche andere Bezeichnungen für
Banisteriopsis und seine halluzinogenen Auszüge bei den verschiedenen
Indianerstämmen. Von den verschiedenen Arten der Schlingpflanze findet am
häufigsten Banisteriopsis caapi Verwendung, gelegentlich auch B. muricata
und B. martiniana. Von weiteren Arten wird berichtet, sie fänden in
halluzinogenen Tränken Anwendung, Die in der Literatur häufig genannten
Banisteriopsis ‘Arten’: B. inebrians und B. quitensis gelten heute als
Synonyme für B. caapi. Verschiedene Banisteriopsis Arten haben eine
Bedeutung in ethnomedizinischen Zusammenhängen unabhängig von ihren
psychoaktiven Wirkeigenschaften, oder sie werden etwa als Zaubermittel beim
Fischfang gebraucht. Banisteriopsis caapi wächst in den
Tiefland-Regenwäldern Südamerikas. Im Süden reicht die Verbreitung des
Gewächses bis nach Bolivien, im Norden findet man es bis nach Venezuela und
Panama, und gen Westen reicht die Verbreitung der Liane in die Küstengebiete
Ecuadors westlich der Anden.
Der erste Forscher der Belegexemplare der Pflanze sammelte war der britische
Botaniker Richard Spruce. Spruce wohnte im Jahre 1851 einem Fest der
Tukano-Indianer im brasilianischen Amazonasgebiet bei, als er einen "Caapi"
genannten Trank selbst kostete. Spruce nahm nur eine geringe Dosis des
Getränkes, das ihm dargeboten wurde, zu sich, und er verspürte keine
nennenswerte Wirkung außer Übelkeit und Benommenheit. Diese resultierte wohl
auch aus der Kombination von Ayahuasca, einem großen Becher Palmwein und
einiger Züge aus einer armdicken Zigarre, die der Nichtraucher im Rahmen des
Festes zu sich nehmen mußte (Dobkin de Rios, 1972: 121). Spruce bezeichnete
die Pflanze, die Ausgangsstoff des im rituellen Zusammenhang verwendeten
Getränks war mit dem Namen Banisteria Caapi. Auch vor der Identifizierung
der Pflanze durch Spruce gab es frühe Erwähnungen eines "teuflischen
Getränkes" durch jesuitische Missionare.
Banisteriopsis
caapi
Die phytochemische Erforschung von Banisteriopsis caapi begann im Jahre 1905
mit der Isolierung eines Präparats aus einem Ayahuasca-Trank, das der
kolumbianische Pharmazeut R. Zerda Bayon mit dem romantischen Namen
Telepatina belegte. Nach zahlreichen taxonomischen und terminologischen
Wirrungen zeigen die Chemiker A.L. und K.K. Chen 1939, daß aus
Banisteriopsis isolierte Stoffe Telepathin, Yajein und Banisterin allesamt
mit Harmin identisch sind, welches seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
bekannt war, und erstmals 1927 synthetisch hergestellt wurde (Ott, 1995:
42). Das Hauptalkaloid von Banisteriopsis ist also die Substanz Harmin,
weitere Wirkstoffe in der Pflanze sind Harmalin und d-Leptaflorin.
Ayahuasca- Additive
Ayahuasca bezeichnet ein Getränk, das aus wäßrigen Auszügen des
Malpiphigiengewächses Banisteriopsis caapi hergestellt wird. In den meisten
Fällen werden dem gewonnenen Sud weitere Pflanzen beigemengt, die
psychotrope Wirkstoffkomponenten enthalten und im entscheidenden Maße für
die entheogenen Wirkungen mitverantwortlich sind. Mann kann diese
Ayahuasca-Beimischungen in drei Kategorien klassifizieren:
1.) Nicht psychoaktive und möglicherweise therapeutische Additive
2.) Stimulanzien
3.) Entheogene und visionäre Drogen
Die erste Kategorie bezieht sich auf Pflanzen, die unter Umständen einen
spezifischen therapeutischen Zweck haben entweder durch pharmakologische
Mechanismen oder durch ihre Bedeutung in Zusammenhang mit Heilungsmagie. Ott
zitiert eine neuere Untersuchung von Ayahuasca-Zusätzen, die zeigt, daß vier
der fünf meistgebrauchten phytotherapeutischen Anti-Rheumamittel in
Amazonien auch als Ayahuasca-Additive dienen
Das in reinen Banisteriopsis Aufgüssen wirksame Harmin
hat eine ausgeprägt sedative Wirkung. Somit werden den Tränken gelegentlich
stimulierende Pflanzen zugefügt, bspw. die Blätter von Ilex guayusa,
welche eine der potentesten koffeinhaltigen Pflanzen ist. Auch das
koffeinhaltige Guarana und kokainhaltige Gewächse finden bei verschiedenen
Indianerstämmen ihren Weg in Ayahuasca-Tränke, um "Kraft beim Umgang mit
Ayahuasca zu geben"
Die dritte Gruppe der visionären und entheogenen Ayahuasca-Additive
kategorisiert Ott in vier Untergruppen, die alle die Funktion haben, die
visionserzeugende Wirkung von Ayahuasca zu verstärken oder spezifische
Qualitäten des Ekstaseerlebnisses zu evozieren. Die vier Untergruppen sind
(Angaben in Klammern bezeichnen die psychoaktiven Wirkstoffe). :1.)
Nicotiana (Nikotin); 2.) Brugmansia
(Tropanalkaloide); 3.)Brunfelsia
(Skopoletin) ; 4.) Chacruna/
Chagropanga (DMT).
Tabak ist nicht nur wie
Ayahuasca im Amazonischen sondern im
Pan-Amerikanischen Schamanismus tief
verankert (Wilbert, 1987). Häufig wird Tabakrauch zu zeremoniellen Anläßen
inhaliert, auch die orale Einnahme von Tabaksud ist nicht selten anzutreffen
(Harner, 1972). Teilweise schätzen die Indianer den Tabak in seiner Qualität
als "Pflanzenlehrer" sogar höher ein als Banisteriopsis (Wilbert, 1987).
Verschiedene Brugmansia-Arten haben ein halluzinogenes Wirkungsspektrum und
werden im andinen Hochland auch einzeln als wahrsagefördernde Droge genutzt.
Bei den Shipibo-Conibo in Peru wird Brugmansia suaveolens
von den Schamanen gelegentlich verwendet, im allgemeinen jedoch aufgrund
ihrer angeblichen wahnsinns- oder gar todbringenden Eigenschaften gemieden.
Hier wird sie auch mit "brujeria", schwarzer Magie, in Zusammenhang
gebracht.
Brunfelsia findet ebenfalls bei einigen Indianerstämmen für sich allein
Anwendung als Entheogen, aber auch in Mixtur mit Banisteriopsis Abgüssen.
Chacruna (Psychotria viridis)
Die vierte Kategorie von Ayahuasca-Additiven wird häufig mit dem
Quechua-Wort Chacruna bezeichnet,
welches dem Rötegewächs Psychotria viridis
zugeordnet ist. Chagropanga bezeichnet
Pflanzen der Spezies Diplopterys cabrerana.
Beide Pflanzen enthalten das extrem intensiv- und kurzwirkende Entheogen
DMT (Dimethyltryptamin).
DMT wird dem Ayahuasca zugegeben, um die visionsschenkende Wirkung zu
"verlängern und zu verstärken" (Ott, 1995: 29). Psychotria viridis und
Diplopterys cabrerana sind klassische und weit verbreitete Zusätze von
Ayahuasca, und sie stellen das eigentliche entheogene Prinzip der Medizin
Ayahuasca dar.
Psychopharmakologie von Harmin
und DMT
Der deutsche Giftkundler Louis Lewin, der durch die Erforschung des
Entheogens Meskalin, das im
Peyotl enthalten ist, bekannt wurde, war der
erste der die Substanz Harmin am
Menschen ausprobierte. Zusammen mit Paul Schuster testet er die Droge als
Mittel gegen Parkinsonismus, und tatsächlich wurde bei den Versuchsobjekten
eine zeitweilige Besserung festgestellt (Ott, 1995: 52) (4). 1958 beschreibt
Sydney Udenfriend, daß Harmin die Eigenschaften von MAO-Hemmern (5) besitzt,
daher als Enzymhemmer im menschlichen Organismus wirksam wird. In den
Sechzigern führte der Psychiater Claudio Naranjo eine Studie der psychischen
Wirkungen von Harmalin durch und kommt zu dem Ergebnis, daß das Wirkprofil
von Harmalin schwer zu interpretieren sei, und am ehesten einem
Beruhigungsmittel gleicht. Es sei jedoch nicht mit Halluzinogenen wie etwa
LSD oder Meskalin vergleichbar
(Naranjo,1967). Maja Maurer referiert die psychischen Effekte von Harmin als
nicht in stärkerer Weise mit denen von Meskalin oder Psilocybin
vergleichbar. Optisch-halluzinatorische Phänomene fänden nur in begrenztem
Maße statt, und der durch Harmin hervorgerufene Zustand sei vor allem durch
Rückzug von der Umgebung und durch eine wohlige Entspanntheit
charakterisiert. Maurer vermutet, daß neben Harmin andere Substanzen für die
in der Literatur beschriebenen Wirkungen von Ayahuasca verantwortlich sein
müssen (Leuner/ Schlichting, 1992: 236).
Im Jahre 1955 wurde N,N- Dimethyltrytamin als Inhaltsstoff der Samen und
Schoten eines Baumes aus der Familie der Leguminosae identifiziert. Diese
Samen wurden in entheogenen Schnupfpulvern Yopo,
Vilva oder Cebil
bei Eingeborenen Südamerikas verwendet (Ott, 1995: 56; De Smet, 1985). 1956
testete eine Gruppe um Stephen I. Szara zum erstenmal synthetisches DMT, das
bereits 1931 zum erstenmal hergestellt worden war, aber bis dahin noch nicht
auf seine Psychoaktivität hin untersucht war. Szara beschrieb eine
"psychotische Wirkung, zum Teil ähnlich der, die von Meskalin oder LSD- 25
verursacht wird". (Ott, 1995: 56). DMT wurde von Szara intramuskulär
injiziert, später fand man, daß es oral verabreicht keinerlei Wirkung
hervorruft. Wie kann also DMT seine Wirksamkeit in Ayahuasca-Tränken
entfalten, die ja oral eingenommen werden? Erinnern wir uns an die
enzymhemmende Qualität von in Banisteriopsis enthaltenem Harmin und
Harmalin. Diese Beta-Carboline blockieren das Enzym Monoamino-oxidase, das
bspw. Tryptamine wie DMT oxidiert bzw. abbaut, bevor sie das zentrale
Nervensystem erreichen können. Harmin ermöglicht also durch die Hemmung
eines DMT zersetzenden Enzyms dessen Stabilität in unserem Körper, so daß es
seine psychotrope Wirkung im Gehirn entfalten kann (Ott, 1995: 58) .
Jonathan Ott charakterisiert die Entdeckung dieser elaborierten
Wirkstoffsynergie durch die präliteraten indigenen Kulturen des Regenwaldes
als eine der größten pharmakognostischen Entdeckungen der Vorzeit:
"Kraft großer Sensitivität, tiefer Einsicht und eines
abenteuerliebenden Geistes entdeckten die amazonischen schamanistischen
Psychonauten (Jünger 1970), daß ausnahmslos Blätter von Psychotria viridis
und Diplopterys cabrerana, die normalerweise ziemlich harmlos sind, zu
potententen Entheogenen werden, wenn man sie in einem Topf zusammen mit
einigen Stücken von Banisteriopsis caapi kocht; und das ohne irgend etwas
über Enzyme oder Alkaloide zu wissen! Das war in der Tat eine der
meisterhaftesten Arbeiten und sicher eine der größten pharmakognostischen
Entdeckungen der gesamten Vorzeit !" (J.
Ott,1995: 58).
Betakarboline wie Harmin verlängern die Wirksamkeit von Tryptaminen im
Organismus und ermöglichen die Entfaltung ihrer intensiven Visionen auch bei
oraler Einnahme.
Copyright 1999 Silvio Rohde
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