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Buchrezension
Carsten
Balzer, 2003: Wege zum Heil: Die Barquinha. Eine ethnologische Studie
zu Transformation und Heilung in den Ayahuasca-Ritualen einer
brasilianischen Religion. Institut für Brasilienkunde, Bd. 26,
222 S., mit Abb. ISBN 3-88559-083-2
von Silvio
Andreas Rohde
Das psychoaktive Getränk Ayahuasca hat seit
jeher eine weitreichende Bedeutung in den magisch-religiösen Ritualen der
indigenen Bevölkerung des Amazonas-Bassins eingenommen. Trotzdem die
Konquistadoren und Missionare aus der Alten Welt die einheimischen
Traditionen des Gebrauchs von entheogenen Pflanzen und Zubereitungen als
un
delusio
del demonio
betrachteten, das es den Ureinwohnern
mit der Peitsche aus dem Leib zu treiben galt, blieb der schamanische
Gebrauch von Ayahuasca bis heute zentraler Bestandteil der Mythen und
Rituale amazonischer Spiritualität. Anders als in Peru und Ecuador, wo die
indigenen Traditionen des schamanischen Gebrauches des Getränks in erster
Linie im Vegetalismo, einem Amalgam aus Kräuterkunde und
Schamanismus, praktiziert werden, in dessen Mittelpunkt die Diagnose und
Heilung von Krankheiten steht, entstanden in Brasilien Kultgruppen, die eine
von spiritistischen und afrobrasilianischen Elementen und Vorstellungen
beeinflusste und zudem christlich geprägte Mystik zur zentralen religiösen
Lehre erheben. Auch das Getränk Ayahuasca erhielt hier einen neuen Namen:
Daime (port. gebt mir). Wurden in Peru die den Ayahuasca-Gebrauch
umgebenden indigenen Rituale und Mythen von mestizischen Heilern weitgehend
adaptiert, so statteten die häufig aus dem Nordosten Brasiliens stammenden
und im Zuge der Kautschukräusche in die Regenwälder Brasiliens strömenden
Menschen den Gebrauch von Ayahuasca mit ihrer eigenen Folklore und
religiösen Tradition aus.
Der Ethnologe Carsten Balzer legt mit der
Studie „Wege zum Heil: Die Barquinha“, die erste deutschsprachige
Ethnographie über eine der drei brasilianischen Ayahuasca-Religionen vor.
Die Barquinha ist die wohl am wenigsten bekannte und kleinste der
drei Religionen, die seit den 20er Jahren des 20. Jh. im brasilianischen
Bundesstaat Acre entstanden sind, in deren religiöser Praxis die rituelle
Einnahme von Ayahuasca eine zentrale Rolle spielt. Die vorliegende Studie
ist das Ergebnis zweier Feldforschungsaufenthalte des Autors in Brasilien in
den Jahren 1994 und 1996. Carsten Balzer begab sich in das Herz der
cultura do Daime nach Rio Branco, in die Hauptstadt des brasilianischen
Bundesstaats Acre. Hier wurde im Jahr 1930 die erste Kultgruppe vom Urvater
der heutigen Daime-Kirchen, Raimundo Irineu Serra, begründet. Balzer
liefert eine umfangreiche Schilderung der Begebenheiten, die zur Entstehung
der Ayahuasca-Religionen geführt haben. Balzer beschreibt, wie Serra
zusammen mit zwei Gefährten durch einen peruanischen Ayahuasquero in das
Ayahuasca-Mysterium initiiert wird und wie ihm später in einer Marienvision
die Heilige Jungfrau in Gestalt der Rainha da Floresta (Königin des
Waldes) erscheint. Serra erhält in diesem und weiteren
Offenbarungserlebnissen die Mission, Ayahuasca in Daime umzubenennen und
empfängt später so genannte Hinos, spezifische Hymnen und
Instruktionen zur Ausführung der Daime-Rituale, die das Fundament der
heutigen Santo Daime-Religion bilden.
Der zentrale Gegenstand der Untersuchung von
Balzer, die Barquinha, ist eine Abspaltung von der Alto Santo
genannten Santo Daime-Kultgruppe um Irineu Serra, die im Jahre 1945 von
einem einstigen Anhänger Serras, Daniel Pereira de Mattos, begründet
wurde. Das Buch liefert eine ausgezeichnete Aufarbeitung der teils weit
verstreuten Informationen zur lokalen Geschichte der verschiedenen
Daime-Kultgruppen in und um Rio Branco und rekonstruiert anhand von
Erzählungen und Aufzeichnungen von Zeitzeugen und des Kultchefs der
untersuchten Kultgruppe detailliert die Entwicklung und Konsolidierung der
Barquinha-Kirchen. Dabei entsteht das Bild einer Religion, dessen Gründer,
ein ehemaliger, zeitweilig dem Alkoholismus verfallender Matrose namens
Daniel Pereira de Mattos, bereits im Kindesalter visionäre Träume und
paranormale Wahrnehmungen hatte. In den von Irineu Serra abgehaltenen
Daime-Ritualen erfährt de Mattos schließlich die Gründe seiner
Alkoholsucht und die Hintergründe seiner Visionen um das „Blaue Buch“. Er
beginnt anschließend mit der Ausführung seiner Mission und empfängt in
Träumen und Daime-Visionen, in der Tradition der Daimistas miraçao
genannt, die Hymnen und Psalmen des livro azul, des heiligen Buches
der Barquinha-Religionen.
Laut Balzer existieren heute vier sich auf
de Mattos berufende Barquinha-Kultgruppen in Rio Branco, die von ihm
erforschte nennt sich selbst: Casa de Jesus – Fonte de Luz. Aber auch
die beiden anderen Linien brasilianischer Ayahuasca-Religionen, die União
do Vegetal und die Santo Daime- Gruppen, werden von Balzer
ausführlich hinsichtlich ihrer Geschichte und Kultpraxis beschrieben.
Das Buch liefert jedoch insbesondere eine
umfassende Darstellung der sozialen und religiösen Praxis der Barquinha. Die
Kosmologie der Barquinha, die Vielzahl verschiedenster Geistwesen, die sich
in den astralen Wassern eines in den Hymnen viel besungenen spirituellen
mar sagrado tummeln, wird um detaillierte Beschreibungen der Rituale
dieser Religion ergänzt. Exemplarisch beschreibt der Autor bspw. den
rituellen Prozess der Transformation und Doktrination eines
Krankheitsgeistes zu einem verbündeten und getauften Geist des Lichtes. Es
gelingt Balzer, anhand beispielhafter biographischer Interviews mit
verschiedenen Mitgliedern der Barquinha, profunde Innenansichten in das
Denken und Fühlen sowie den kulturellen Hintergrund der Menschen zu
vermitteln, die Träger und Bewahrer dieser Rituale sind.
Balzers Studie schenkt weiterhin den
sozioökonomischen Verhältnissen der Menschen und der Region, in der die
Ayahuasca-Religionen entstanden sind, weitreichende Aufmerksamkeit. Er
schildert die Hintergründe der frühen Migrationen von Kautschuksammlern nach
Amazonien und Acre während der zwei großen Einwanderungswellen, dem ciclo
da borracha (Kautschukrausch) im ausgehenden 19. Jh. und dem batalha
da borracha zur Zeit des 2. Weltkriegs. Balzer geling es deutlich zu
machen, wie eng verwoben die kulturellen Wurzeln dieser ehemals entlegenen
Region mit Blüte und Niedergang des Kautschukrausches sind.
In der spezifischen Situation Acres sieht
Balzer auch wesentliche Gründe dafür, warum nur hier Ayahuasca-Kulte
entstanden sind. Als Faktoren ihrer Genese führt Balzer, neben der
besonderen Bedeutung der Persönlichkeiten der Kultgründer, die spezifische,
von den Migranten in den Gummizapfer-Gebieten vorgefundene Situation an, die
durch das weitgehende Fehlen sozialer und religiöser Institutionen
einerseits und das Aufeinandertreffen verschiedener kultureller
Wirklichkeiten (indigen, afrobrasilianisch, katholisch und spiritistisch)
andererseits, gekennzeichnet war. Zur Erklärung der Ursprünge der
Ayahuasca-Religionen greift Balzer u. a. auf die von dem Ethnologen Ioan
Lewis entwickelte These zurück, dass ekstatische Religionen, in denen
visionären und mediumistischen veränderten Bewusstseinszuständen eine
zentrale Bedeutung zukommt, vor allem unter den Bedingungen eines großen
politischen und wirtschaftlichen Außendrucks entstehen.
In einem von sozialem und kulturellem Chaos
gekennzeichneten Milieu, so Balzers These, bildeten die Ayahuasca-Kulte ein
religiöses und soziales „Rettungsboot“, das die verschiedenen kulturellen
Einflüsse in der Region integrierte.
Am Ende seiner Studie wendet sich Balzer
dagegen, die Barquinha-Religion als einen Synkretismus, eine bloße
Vermischung verschiedener religiöser Traditionen, aufzufassen. Vielmehr
belegt Balzer, dass es sich bei den Ayahuasca-Religionen um den innovativen
religiösen Ausdruck einer spezifischen regionalen Kultur Brasiliens handelt.
Das charakteristische Merkmal dieser Religion sei ihr Anliegen, mit Hilfe
eines entheogenen Sakramentes transformatorische Prozesse der Heilung in
ihren Mitgliedern auszulösen. Im emischen Diskurs der Religion ist dieser
individuelle Heilungsprozess eng verbunden mit der karitativen Hinwendung an
die bedürftige Bevölkerung Rio Brancos, die einen zentralen Bestandteil der
spirituellen Mission der Barquinha darstellt.
Potentielle Leser, die sich möglicherweise
von der gepflegten akademischen Langeweile, die manchen Ethnographien
zueigen ist, abgeschreckt fühlen, wird es freuen zu hören, dass Balzer zwar
keinen esoterischen Lobgesang auf weise Schamanen und Zaubertränke aus dem
Regenwald anstimmt, dafür aber sehr kreativ mit den von ihm gesammelten
ethnographischen Daten umgeht. Zahlreiche, den Text sublim begleitende
Zitate und erzählerische Passagen, führen zu einer vielseitigen und
nuancenreichen Annäherung an die beschriebene Religion. Balzers Studie
überschreitet an verschiedenen Stellen innovativ die konventionellen Formen
ethnographischer Darstellung, indem essayistische und literarische
„Seitensprünge“ eingebunden werden. So erfolgt eine Diskussion von
Theoriehintergründen zur Entstehung der acreanischen Ayahuasca-Religionen in
Form der literarischen Inszenierung eines magischen Rituals, in dessen
Verlauf der Autor einschlägige Wissenschaftler evokativ einer akademischen
Galerie entsteigen lässt. Gleich einer Phalanx von Orixás fahren gelehrte
Geister der Religionsethnologie aus dem akademischen Pantheon herab in die
Zeilen des Buches, wo Balzer deren Einsichten zu den soziokulturellen
Bedingungen der Entstehung ekstatischer Religionen zu prägnanten Zitaten
gerinnen lässt. Und am Ende entdeckt man, dass argumentativer Diskurs und
die rituelle Befragung von Ahnengeistern vielleicht gar nicht soweit
voneinander entfernt sind, wie ihre jeweilige Inszenierung sonst vermuten
lässt.
Die Barquinha bleibt bis heute eine lokal
auf Rio Branco begrenzte Religion, die keine globale Ausbreitung und Mission
anstrebt. Zweige der Santo Daime und der União do Vegetal hingegen, haben
mittlerweile den Horizont ihrer traditionellen Verbreitung überschritten,
zahlreiche Daime-Gemeinden entstehen seit den 1990er Jahren auf vielen
Kontinenten, darunter Europa, Asien und Nordamerika. In Holland und Spanien
wurde die Santo Daime-Religion nach juristischer Prüfung offiziell
anerkannt, in Deutschland hingegen erschienen zuletzt Meldungen über
„gefährliche Drogensekten“ und die hiesigen Anhänger werden wegen Verstoßes
gegen das Btmg. verfolgt. Wer wirklich etwas über die Hintergründe der
spirituellen Traditionen erfahren will, die eine Debatte um die Freiheit von
Religion ausgelöst haben, wenn sie den Gebrauch eines Entheogens beinhaltet,
dem sei die Lektüre von Balzers „Wege zum Heil“ wärmstens empfohlen.
Silvio Andreas Rohde, (Dipl. Relwiss.) 2004
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