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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und
Grundlagen
A. Rechtfertigung des Themas: die religionswissenschaftliche Relevanz
B.
Forschungsstand
C. Vorgehensweise und Begriffsbestimmungen
2. Geschichte des
Pilzgebrauchs
A. Mexiko und die
Geschichte des Pilzgebrauchs bei den Mazateken
B. Mitteleuropa
3. Darstellung des
Pilzgebrauchs
Mexiko
A. Darstellung der Ritualteilnehmer und ihrer Vorstellungen
und Erwartungen in Bezug auf das Ritual und die Pilzwirkung
B.
Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Rituals
Mitteleuropa
A. Darstellung der Ritualteilnehmer und ihrer Vorstellungen
und Erwartungen in Bezug auf das Ritual und die Pilzwirkung
B.
Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Rituals
4. Vergleich des Pilzgebrauchs beider Regionen
5. Zusammenfassung und abschließende Überlegungen zum Pilzgebrauch
6. Anmerkungen
7.
Literaturverzeichnis
1. Einleitung und
Grundlagen
In dieser Arbeit setze ich mich mit
dem Gebrauch psilocybinhaltiger, halluzinogen wirkender Pilze auseinander.
Der Gebrauch dieser Pilze läßt sich für die Vergangenheit und die Gegenwart
auf nahezu allen Kontinenten nachweisen. Dabei gab und gibt es einerseits
den Gebrauch in einem rituellen, häufig schamanistischen Kontext,
andererseits den weniger reglementierten Konsum dieser Pilze im Rahmen von
profanen Festen bzw. Parties.
Ich beschränke mich bei der Darstellung des Pilzgebrauchs einerseits auf das
Volk der Mazateken in Mexiko und andererseits auf Mitteleuropa, da für diese
Regionen das Angebot an entsprechender Literatur am ergiebigsten ist. Den
Schwerpunkt lege ich auf den rituellen Gebrauch, in dessen Zusammenhang
Vorstellungen und Handlungen stehen, welche die Religionswissenschaft zu
ihrem Forschungsgegenstand gemacht hat.
A. Rechtfertigung des Themas: die religionswissenschaftliche
Relevanz
Sowohl in Mexiko als auch in Mitteleuropa ist der
Gebrauch von psilocybinhaltigen, halluzinogen wirkenden Pilzen zu
beobachten. In Mexiko, wie in weiten Teilen Mesoamerikas, hat der Gebrauch
eine wahrscheinlich Jahrtausende alte Tradition. Allgemein sind für den
mesoamerikanischen Raum eine große Zahl halluzinogen wirkender Pflanzen
feststellbar. Diese wurden in der Vergangenheit und werden in der Gegenwart
von verschiedenen indigenen Völkern in einem rituellen Rahmen genutzt.
(Rätsch, 1994)
Für ein hohes Alter des Gebrauchs
psilocybinhaltiger Pilze sprechen die sogenannten Pilzsteine. Dies sind
kleine pilzförmige Skulpturen aus Stein oder Keramik, die zum Teil mit
menschlichen Zügen ausgestaltet sind. Diese werden bis ins zweite und dritte
Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück datiert. Bewiesen ist ein
Zusammenhang zwischen Pilzgebrauch und "Pilzsteinen" allerdings nicht, aber
er gilt als wahrscheinlich.
Belegen läßt sich der Pilzgebrauch bei
verschiedenen indigenen Völkern Mexikos erstmals durch die Berichte
spanischer Missionare aus dem 16. Jahrhundert. Doch möglicherweise erstmals
in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts dürfen "westliche Menschen" in
Huautla de Jiménez, einem Ort im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca, an einem
Pilzritual der Mazateken teilnehmen.
Der dabei entscheidende "westliche" Teilnehmer ist
der New Yorker Banker R. Gordon Wasson. Dieser bringt in den fünfziger
Jahren zusammen mit seiner Frau, der Kinderärztin Dr. Valentina Pawlovna und
vielen weiteren Wissenschaftlern, die Erforschung des Pilzgebrauchs
wesentlich voran.
Die Publikationen von R. Gordon Wasson stellen den
Pilzgebrauch erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor. In seinen
Schriften macht er deutlich, daß die Pilzrituale im Rahmen von
Krankenheilungen und der Wahrsagerei durch Schamanen stattfinden. Darüber
hinaus werden sie von religiösen Vorstellungen und Handlungen begleitet:
neben den älteren indigenen religiösen Motiven finden sich vor allem solche
des katholischen Christentums, die nach erfolgreichen Missionarstätigkeiten
der spanischen Eroberer eingeflossen sind. So werden die Pilze bei den
Mazateken u.a. als "Blut Christi" bezeichnet (Estrada, 1996: 31)
Im westlichen Kulturraum, also auch in
Mitteleuropa, breitet sich der Pilzgebrauch erst in Folge der Publikationen
über die Pilzrituale in Mexiko aus. Die Anfänge westlichen Interesses an den
Pilzen, neben der wissenschaftlichen Erforschung und der staatlich
anerkannten Anwendung in einem therapeutischen Rahmen, sind gekennzeichnet
durch den "Pilztourismus" (Hofmann, 1996b: 18) nach Oaxaca. Die "Reisenden"
sind vor allem Angehörige der "gesellschaftlichen Gegenbewegung" der
sechziger und frühen siebziger Jahre. Bald setzt sich allerdings das Wissen
vom Vorhandensein der psilocybinhaltigen Pilze in Europa und anderorts auf
der Welt durch, so daß sie fortan auch "zu Hause" gesammelt und konsumiert
werden können. (Rätsch 1995b:307)
In Europa haben sich wenigstens zwei Richtungen des
Pilzgebrauchs im Verlauf der siebziger, achtziger und neunziger Jahre
herausgebildet: zum einen gibt es den Gebrauch als Partydroge mit nur wenig
Reglementierungen, die sich die Konsumenten auferlegen, zum anderen
existiert der rituelle Gebrauch, der sich eben durch die von den Konsumenten
selbst auferlegten Reglementierungen definiert.
Konsumiert werden in beiden genannten
Gebrauchsvarianten aus der Natur stammende einheimische und importierte
Pilze, nachgezüchtete einheimische und nachgezüchtete mexikanische Pilze.
Besitz- und Konsumverbote europäischer Betäubungsmittelgesetzgebungen,
welche die Pilze bzw. deren psychoaktive Inhaltsstoffe als nicht
verkehrsfähige Drogen (Btm, 1998) einschätzen, konnten diese Entwicklung
nicht unterbinden (Rätsch, 1995a).
Die Fülle der Publikationen in den neunziger Jahren, besonders im Internet,
bezeugen die genannte Entwicklung und die wenig ausgeprägte Einflußnahme der
Betäubungsmittelgesetze auf Konsumenten und Konsumformen (s. Literaturliste)
Der rituelle Gebrauch in Mitteleuropa wird zumeist in sogenannten
"Kreisritualen" begangen. Teilnehmer dieser Kreise berichten von mystischen
Vereinigungen mit der Natur oder mit sakralen Entitäten, von der
Begegnung mit Göttern und Geistern, die den Teilnehmern beistehen, helfen
und heilen. In den europäischen Pilzritualen treten Elemente verschiedener
Religionen und des Schamanismus in Erscheinung.
Der Ethnologe Christian Rätsch hält den westlichen
Pilzgebrauch für eine Rückkehr zum Heidentum (1995a), und der
Sozialwissenschaftler Adrian Linder (1981) spricht darüber hinaus von einem
"weitgespannten heidnisch-christlich-buddhistisch-hinduistischen
Synkretismus". Der Pilzgebrauch wird auch als Teil eines "Psychedelischen
Neo-Schamanismus" gedeutet (DeKorne, 1994).
B. Forschungsstand
Bisher hat es meines Wissens noch keine rein
religionswissenschaftliche Aufarbeitung des Gebrauchs psilocybinhaltiger
Pilze gegeben. In The Encyclopedia of Religion (1987) geht der
Psychologe De Ropp in seinem Beitrag zum Thema Psychedelic Drugs auch
zusammenfassend auf die Sacred Mushrooms ein. Aufgegriffen wird das
Thema vorrangig von Nachbardisziplinen wie der Ethnologie, der
Sozialwissenschaft und der Ethnobotanik (Rätsch, 1995a; Linder, 1981; Dobkin
de Rios, 1976), der Psychologie und Medizin (Trebes,1993; Passie, 1995;
Leuner, 1963) sowie der Chemie (Gartz, 1993). Einen hervorragenden Blick
über den aktuellen Forschungsstand mit einer umfassenden Literaturliste
findet sich im Sammelwerk Maria Sabina – Botin der heiligen Pilze
(1996).
In den einzelnen Disziplinen wird vor allem die Pharmakologie der
halluzinogen wirkenden Substanzen, die in diesem Zusammenhang auftretenden
veränderten Bewußtseinszustände und das mit dem Gebrauch verbundene soziale
Verhalten untersucht. Herauszuheben ist dabei die Arbeit der Anthropologin
Marlene Dobkin de Rios zu den kulturübergreifenden Faktoren des
Halluzinogengebrauchs (Dobkin de Rios, 1990).
Insgesamt betrachtet ergeben sich für Mexiko und
Mitteleuropa unterschiedliche Forschungsstände: in Mesoamerika ist der
Pilzgebrauch wesentlich besser dokumentiert als in Mitteleuropa. Vor allem
die Arbeiten von R. Gordon Wasson, und die des Chemikers Albert Hofmann
bieten Grundlagen.
Ein für diese Arbeit wertvolles Zeitzeugnis ist die von Alvaro Estrada
(1996) aufgezeichnete Biographie der mazatekischen Schamanin Maria Sabina,
in der tiefe Einblicke in den mazatekischen Pilzgebrauch möglich sind, aber
auch die Auswirkungen des Kontakts mit westlichen Menschen spürbar werden.
Eine gute zusammenfassende Darstellung des schamanistischen Gebrauchs
halluzinogener Pilze bei den Mazateken bietet Alexandra Rosenbohm (1991).
Die bereits erwähnten Forscher Linder und
Rätsch haben die ersten Versuche unternommen, einen rituellen Gebrauch
der Pilze in Europa und speziell im deutschsprachigen Raum zu erfassen. Am
ergiebigsten sind dabei die Publikationen von Christian Rätsch. Er hat
parallel zum rituellen Gebrauch der Pilze ebenso die weniger reglementierten
Konsumformen in Europa beschrieben. Ich baue meine Darstellung zum
europäischen Gebrauch daher vorwiegend auf seinen Ausführungen auf.
Spekulative, philosophische und poetische
Betrachtungen zum Gebrauch halluzinogen wirkender Substanzen, mit
Berücksichtigung des Psilocybins bzw. der entsprechenden Pilze, liefern
verschiedene Autoren in diesem Jahrhundert.
Zu nennen sind hier beispielsweise Aldous Huxley (1983 u. 1984), Alan Watts
(1962), Timothy Leary (1970;1986), Ernst Jünger (1980) und Rudolf Gelpke
(1962). Der Schriftsteller Terence McKenna (1975; 1988; 1989;1991)
beschreibt seit den siebziger Jahren den weltweiten Pilzgebrauch als ein die
menschliche Evolution beschleunigendes Phänomen. Eine Zusammenfassung des
Pilzgebrauchs in der Techno-Kultur der neunziger Jahre bietet Douglas
Rushkoff (1995). Den in diesem Zusammenhang stattfindenden Ideologietransfer
von der Hippie-Ära zur Techno-Kultur zeigt Neitzert (1998) auf.
C. Vorgehensweise und
Begriffsbestimmungen
In dieser Arbeit gebe ich einen Überblick über
Geschichte und Formen des Gebrauchs psilocybinhaltiger Pilze unter
besonderer Berücksichtigung des Gebrauchs in einem rituellen Kontext. Ich
beschränke mich dabei in Mexiko auf das Stammesgebiet der Mazateken im
Bundesstaat Oaxaca. In Mitteleuropa liegt der Schwerpunkt weitestgehend auf
der Schweiz und auf dem Gebiet der "alten" Bundesrepublik Deutschland, da
für diese Regionen die Literaturlage am günstigsten ist.
Diese Bestandsaufnahme soll als erste Orientierung die Geschichte des
Pilzgebrauchs, die Eigenarten aber auch die Gemeinsamkeiten vor allem des
rituellen Pilzgebrauchs der Regionen deutlich machen.
Nach dem Überblick im 2. Kapitel über Geschichte und Formen des Gebrauchs in
beiden Regionen stelle ich im 3. Kapitel einerseits ein mazatekisches
Ritual, andererseits ein modernes europäisches Ritual dar. Diese Darstellung
umfaßt 1. die Ritualteilnehmer und ihre Vorstellungen und Erwartungen in
Bezug auf das Ritual und die Pilzwirkung, 2. die Vorbereitung, Durchführung
sowie gegebenenfalls die Nachbereitung des Rituals und der Erlebnisse.
Im 4. Kapitel sollen wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den im 3.
Kapitel heraus gearbeiteten Punkten 1. und 2. mit Hilfe eines ersten und
kurzen Vergleichs geklärt werden. Im 5. Kapitel fasse ich wesentliche
Ergebnisse der Arbeit zusammen und schließe mit Überlegungen zu einigen
mir wichtig erscheinenden Merkmalen des Pilzgebrauchs in Mexiko und
Mitteleuropa.
Zuvor jedoch einige Begriffsbestimmungen.
Ich möchte mit Hilfe ausgewählter Literatur
(Eliade, 1975; Findeisen und Gehrts, 1983; Motzki, 1977; Ripinsky-Naxon,
1993; Walsh, 1998, Rosenbohm, 1991) den Begriff Schamane im Kern
folgendermaßen charakterisieren: Der Schamane – das Wort geht wohl auf das
tungusische Wort saman zurückgeht - ist ein Meister der Ekstase. Er
geht kontrolliert mit Hilfe von Geistwesen in die Ekstase. Im veränderten
Bewußtseinszustand reist er in andere Welten, um auf verschiedene Art und
Weise einzelnen Menschen oder seiner ganzen Gemeinschaft zu helfen. Der
Schamanismus erscheint weiterhin als ein Jahrtausende altes und weltweites
Phänomen. Der Schamanismus ist keine Religion, wohl aber ein "Komplex an
Vorstellungen und Handlungen innerhalb einer Religion" (Hultkrantz, 1989:
58).
Rätsch (1994:279) weist darauf hin, daß die von Eliade (1975) geäußerte
Ansicht, der Drogengebrauch von Schamanen sei ein degenerierter
Schamanismus, heute nicht mehr haltbar sei. Rätsch hält dagegen, daß fast
alle traditionellen Schamanen pharmakologische Stimuli bevorzugten. Ich
schließe mich dieser Meinung an.
Der Begriff Ritual bezieht sich auf eine
Vielfalt von Definitionen, die je nach Studienschwerpunkt vorgetragen
werden. (Gladigow, 1998). Ich möchte hier auf zwei allgemein gehaltene
Definitionen des Begriffs Ritual zurückgreifen. Auch wenn diese eine Fülle
von Überlegungen zu Ritualen unberücksichtigt lassen, zeigen sie doch
markante Aspekte auf, die der Abgrenzung gegenüber nicht ritualisierten
Konsumformen dienen. Die erste Definition ist jene von Felicitas Goodman
vorgetragene eines religiösen Rituals, die sie im Zusammenhang mit
Körperhaltungen und Trancezuständen vorlegt. Sie beschreibt ein solches
Ritual als
"eine geschlossene Folge von Handlungen, deren
ausdrückliche Aufgabe es ist, die Verbindung zur anderen Wirklichkeit
herzustellen [...]". (Goodman, 1992: 27)
Hinzufügen möchte ich die Definition des "Drogenrituals" von Zinberg,
Jacobsen und Harding (1975:182). Hier ist ein Ritual ein...
"stilisiertes, vorgeschriebenes Verhalten, welches
die Umgebung der Droge umkreist, die Methoden der Beschaffung und Verwaltung
der Droge, die Selektion des physischen und sozialen Rahmens der Einnahme,
Aktivitäten nach der Drogenverteilung sowie Methoden, um unerfreuliche
Effekte zu verhindern."
Die Synthese dieser Ritualdefinitionen stellt die bewußte Aufmerksamkeit auf
ein vorgeschriebenes Verhalten in Zusammenhang mit dem Drogengebrauch
heraus, dessen Zweck es ist, gewünschte Drogenwirkungen herbeizuführen und
eng verbunden damit, einen Kontakt zu einer sich von der profanen
Alltagswelt unterscheidenden andersartigen sakralen Welt oder
Welterfahrung herzustellen.
Im Zusammenhang mit den gelieferten Definitionen des Rituals und besonders
des Drogenrituals müssen auch die Begriffe Dosis, Set und
Setting behandelt werden. In der psychologisch-medizinischen Forschung
und therapeutischen Anwendung von Halluzinogen wird darauf hingewiesen, daß
die Wirkung einer Droge von gewissen Faktoren beeinflußt ist, die wesentlich
innerhalb der Drogen einnehmenden Person existieren (Set) und solchen, die
außerhalb angesiedelt sind (Setting). Zur Dosis gehört dabei die Menge der
eingenommenen Droge sowie Zubereitungs- und Konsumformen. Zum Set gehören
die persönlichen Einstellungen der Droge gegenüber: Vorstellungen, Emotionen
und Erwartungen. Das Setting umfaßt hingegen den äußeren Rahmen des
Drogenkonsums, die äußere Gestaltung des Gebrauchs. (Yensen, 1992;
Schmidbauer u. vom Scheidt, 1998)
Marlene Dobkin de Rios (1976; 1990) entwickelt
diese These der Drogenwirkung weiter. Sie geht dabei von den bereits früher
formulierten Begriffen Dosis, Set und Setting aus, die
sie in konsequente und antezedente Variablen unterteilt. Es
handelt sich dabei vor allem um eine Trennung zwischen den aus der Droge,
gemäß ihrer chemischen Struktur, resultierenden Effekten und den
Voraussetzungen, die der Konsument mitbringt, und die für die
unterschiedlichen Erfahrungen mit einer Droge verantwortlich sind. Die
konsequenten Variablen, bereits benannt als Dosierungen (Menge der
eingenommenen Droge), Zubereitungsformen (beispielsweise als feste oder
flüssige Form), Konsumform (Drogen können gegessen, getrunken, geraucht,
injiziert etc. werden), beeinflussen die Effekte der Droge. Hinzu kommen
noch Konsumgeschwindigkeit oder die Kombination mit anderen Substanzen.
Die antezedenten Variablen, welche die
Faktoren Set und Setting weiter differenzieren, teilt Marlene Dobkin de Rios
in vier Faktoren ein: biologische, psychologische, soziale und kulturelle.
Die Biologischen Faktoren umfassen die physische Konstitution. Durch
Diäten, Fasten, Dehydrierung und sexuelle Abstinenz wird oft bewußt
versucht, die Drogenwirkung zu beeinflussen.
Die Psychologischen Faktoren betreffen Motivation bzw. Intention des
Gebrauchs, die Stimmung während des Gebrauchs, frühere Drogenerlebnisse,
sowie die Persönlichkeit des Konsumenten.
Die Sozialen Faktoren betreffen den gesellschaftlichen Rahmen des
Gebrauchs. Hier ist beispielsweise entscheidend, ob die Droge alleine oder
in der Gruppe eingenommen wird, welche Interaktionen stattfinden, ob es sich
um einen nicht-rituellen Gebrauch handelt oder ob er innerhalb eines Rituals
stattfindet. Weiter kommt zum Tragen, ob der Gebrauch von einem
erfahrenen Führer geleitet wird oder nicht.
Kulturelle Faktoren umfassen Vorstellungen, Werte, Glaubenssysteme,
welche die Drogeneinnahme betreffen. Hier werden Erwartungen und
Einstellungen geprägt, die entscheiden, welche Wirkungen und Inhalte der
Drogenwirkung erwünscht sind. Außerdem werden Regeln und Gefahren des
Gebrauchs vermittelt. Soziale und kulturelle Faktoren umfassen ebenfalls
non-verbale Attribute, wie beispielsweise Musik, Gerüche oder auch
Berührungen.
Zum Begriff "Droge": Ich möchte diesen Begriff
allgemein und im Sinne der Ethnologin Andrea Blätter verstanden wissen. Sie
definiert
"...als Drogen alle Substanzen, die primär dazu
benutzt werden, bewußt, also absichtlich, das eigene Bewußtsein zu
verändern, um ein subjektiv verändertes Erlebnis von Wirklichkeit zu
ermöglichen." (Blätter, 1990:11)
Weiterführende Auseinandersetzungen mit diesem
Begriff, die das Thema der Arbeit berühren und auch Konzepte von
Drogengebrauch und Drogenmißbrauch hinterfragen, finden sich bei Andrea
Blätter (1990), Andrian Linder (1981) sowie bei Wolfgang Schmidbauer (1998:
604f).
Der deutsche Mediziner Lewis Lewin (1980) präsentiert Anfang des
Jahrhunderts eine Drogenkategorisierung, die noch immer gültig ist,
wenngleich aber nicht die einzige. Lewin, der viele Eigenversuche mit Drogen
durchführt, teilt diese in folgende fünf Kategorien ein und zwar überwiegend
auf der Grundlage pharmakologischer Wirkungen:
-
Euphorica: Das sind Substanzen, die
beruhigend auf seelische Vorgänge wirken wie etwa Morphium, Opium,
Kokain oder Heroin. Sie erzeugen mitunter Euphorien, dämpfen
die geistige Aktivität, wirken schmerzstillend und können eine starke
Sucht erzeugen.
-
Inebrantia: Damit bezeichnet er
Berauschungsmittel, beispielsweise Alkohol, Äther oder
Chloroform und Amphetamine. Sie erzeugen zunächst eine
Stimulierung des Zentralnervensystems, der anschließend eine häufig mit
geistiger Einschränkung verbundene depressive Phase folgt.
-
Hypnotica: In diese Kategorie ordnet er
Schlaf- und Beruhigungsmittel wie etwa Tranquilizer und Barbiturate
ein sowie die im ozeanischen Raum gebräuchliche Kawa-Kawa - Wurzel.
-
Excitantia: Das sind Erregungsmittel wie
Koffein, Kakao, Tee und Tabak, die eine mehr oder weniger
starke Sucht erzeugen können. Sie treten in vielen Kulturen als
Genußmittel auf.
-
Phantastica: Hier ordnet er die
Sinnestäuschungsmittel ein, jene Substanzen also, die auch als
Halluzinogene bezeichnet werden. Sie sind nicht suchterzeugend.
Halluzinogene sind, wie Lewin zeigt, eine eigene
Klasse von Drogen, die aufgrund chemischer und wirkungsspezifischer Merkmale
von anderen Drogen unterscheidbar sind. Bei den Pilzen, die Gegenstand
dieser Arbeit sind, handelt es sich um Arten, die - wenngleich in
unterschiedlichen Mengen - Psilocybin als psychoaktives
Hauptbestandteil bilden. Die Moleküle Psilocybin und Psilocin werden
erstmals 1958 vom Chemiker Albert Hofmann aus mexikanischen Pilzen isoliert.
Hofmann hat zuvor 1943 die Wirkung von Lysergsäure-diäthylamid (LSD)
entdeckt. Nachfolgend stellt er dann auch die Verwandtschaft von LSD und den
psychoaktiven Wirkstoffen der Pilze bezüglich des chemischen Aufbaus und des
Wirkungungsspektrums fest (Hofmann 1996a:122).
Diese Verwandtschaftskriterien
teilen Psilocybin, Psilocin und LSD mit weiteren Stoffen. Genannt seien hier
Meskalin als psychoaktive Substanz des Peyotlkaktus. Außerdem
N,N-Dimethyltryptamin (DMT), das wesentlichen Anteil an der psychoaktiven
Wirkung von Ayahuasca hat, jenem "Tee", der vor allem im Amazonasbecken
Verwendung findet. (Schultes und Hofmann, 1995)
Die meisten Substanzen, die diese Stoffklasse bilden, werden von Pflanzen
produziert und gehören der großen chemischen Stoffklasse der Alkaloide an.
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den genannten Substanzen
etablieren sich im Laufe der Zeit Namen wie Phantastica, Halluzinogene,
Psychedelika, Psychotomimetika und Entheogene. Die
letzte Bezeichnung ist ein für die Religionswissenschaft interessanter
Begriff. Das Wort "Entheogen" ist ein Neologismus. Er bedeutet: "das
Göttliche innerhalb werdend". Mehr zur Geschichte dieses Begriffs bei
Jonathan Ott (1995)
Die genannten Begriffe entstehen dabei in erster Linie aus der Konfrontation
mit der Wirkung der Substanzen. Die spezifische Wirkung resultiert
wahrscheinlich aus der Ähnlichkeit mit gehirneigenen Hormonen, wie etwa dem
Serotonin. Die genauen Prozesse, die zur veränderten Wahrnehmung
unter dem Einfluß dieser Stoffe führen, sind noch längst nicht geklärt.
(vgl. Schmidbauer, 1998: 593f)
Schultes und Hofmann (1995) belegen, daß die Wirkung dieser Substanzen über
die Beeinflussung der Gemütslage hinaus geht. Dramatische Veränderungen in
der Erlebniswelt des Menschen können auftreten, ohne daß allerdings das
Bewußtsein verloren geht.
Der gebräuchliche Begriff Halluzinogen für diese Substanzen,
abgeleitet vom Begriff Halluzination, von lateinisch alucinari = faseln,
ins Blaue hinein reden oder handeln, (Pons, Latein: 1993)
impliziert allerdings eine Art von Sinnestäuschung oder gar eine krankhafte,
gestörte Wahrnehmung. (Rosenbohm, 1991:13-15)
Im Zimbardo, einem Lehrbuch für Psychologie, werden Halluzinationen
wie folgt definiert:
"Halluzinationen sind lebhafte Wahrnehmungen ohne
Vorhandensein objektiver Stimulation. Und sollten nicht mit Illusionen
verwechselt werden, bei welchen es sich um verzerrte Wahrnehmungen
tatsächlich vorhandener Reize handelt. Die Bilder und Empfindungen, die
jemand während einer Halluzination erfährt, sind die Produkte seiner Psyche,
nicht hervorgerufen durch externe Reize. Vom betroffenen Individuum werden
sie jedoch oft für Wahrnehmungen der Realität gehalten." (Zimbardo, 1995)
Über die Wirkung von Halluzinogenen sagt das
Lehrbuch weiter aus:
"Unter dem Einfluß von Halluzinogenen können
bizarre Wahrnehmungsverzerrungen auftreten.
– Die Zeit scheint sich zu verkürzen oder auszudehnen,
– das Körperbild verändert sich auf seltsame Weisen,
– sensorische Reize verschmelzen zu Synästhesien (man "hört" Farben,
"schmeckt" Töne),
– und Gefühle der Ekstase vermischen sich mit einer Gewissheit des Einsseins
mit dem Universum.
Neben diesen werden vor allem noch die folgenden Wirkungen halluzinogener
Drogen berichtet, [...]
– Gefühle der Entrücktheit und Transzendenz,
– ein sich selbst bestätigendes Gefühl der Wahrheit,
- positive emotionale Quantitäten,
- Paradoxien (die Polaritäten des Lebens werden scheinbar gleichzeitig
erfahren, um einer Versöhnung zuzustreben und doch getrennt zu bleiben),
- Unsagbarkeit des Erlebten
– und Einheit und Versenkung" (Zimbardo, 1995: 250)
Ergänzt werden muß an dieser Stelle, daß es ebenso zu Paniken oder den
sogenannten Horror-Trips kommen kann, bei denen sich statt
Transzendenz und Gefühle der Einheit Wahrnehmungen von unerträglicher Enge,
der Zersplitterung und der Bedrohung auftun. (Schmidbauer und vom Scheidt,
1998)
Die Halluzinogenwirkung hält je nach Substanz und Dosierung in der Regel
mehrere Stunden an. Bei den Pilzen sind es etwa drei bis sechs Stunden.
Allerdings kann es auch noch mehrere Tage nach Einnahme zu einem sogenannten
Flash-Back kommen. Hier entfaltet sich die Halluzinogenwirkung ohne
daß ein Halluzinogen wiederholt eingenommen wird. (Zimbardo, 1995: 250)
Wie Schultes und Hofmann (1995) zeigen, wurden und
werden diese Pflanzen rund um den Globus innerhalb schamanistischer Rituale
eingesetzt. Der interkulturelle Vergleich von Interpretationen zur
Halluzinogenwirkung macht dabei deutlich, daß es unterschiedliche
Erklärungsmodelle gibt. Mindestens drei Faktoren können dafür verantwortlich
gemacht werden: erstens lassen sich die Bewußtseinsveränderungen nur schwer
einheitlich definieren, zweitens besteht Unklarheit bei der genauen
Wirkungsweise, und drittens werden Vorstellungen von Realität und Wahrheit
bei der Beurteilung der bewußtseinsverändernden Substanzen aufgerufen. (Rosenbohm,
1991)
Im Gegensatz zur - wie ich es nennen möchte -
rational-wissenschaftlichen Auffassung des Zimbardo steht beispielsweise
die großenteils empirisch begründete Sichtweise vieler Stammeskulturen, in
denen Halluzinogene rituell gebraucht werden. Hier werden die meist
pflanzlichen Halluzinogene für Zauberpflanzen oder Pflanzen der Götter oder
Geister gehalten (vgl. Rätsch,1994; Schultes und Hofmann, 1995) und die mit
ihnen gemachten Erfahrungen sind
[...] der Kontakt zur wahren Wirklichkeit, die
Verschmelzung mit einer Gottheit oder die Reise der Seele in die Unterwelt
oder jene Regionen, die jenseits der Milchstraße liegen. (Rätsch, 1994: 310)
Ich behalte in dieser Arbeit den gebräuchlichen
Begriff Halluzinogen mit der Auflage bei, ein Bewußtsein von der
Problematik des Begriffs zu behalten.
Die Bewußtseinszustände bzw. Erlebnisse unter dem
Einfluß von Halluzinogenen werden als psychedelisch, visionär, als
Trance oder Ekstase, Verändertes Wachbewußtsein oder
einfach als Veränderter Bewußtseinszustand (engl. Altered State of
Consciousness (ASC) ) (Tart, 1972) bezeichnet. (Rosenbohm,1991:20)
Veränderte Bewußtseinszustände sind in
traditionellen Kulturen weit verbreitet. Erika Bourguignon beginnt 1963 eine
Studie über das Vorkommen von Trance-Zuständen bei kleinen nicht-westlichen
Gesellschaften, über die anthropologische Studien vorliegen. Sie belegt, daß
in 437 von 488 untersuchten Gesellschaften kulturspezifische und
institutionalisierte Formen veränderter Bewußtseinszustände anzutreffen
sind. (Bourguignon, 1973)
Es gibt vielfältige Induktionsmethoden für
veränderte Bewußtseinszustände. Blätter (1990:18) nennt Träume und
Wachträume, den Halbschlaf, Meditation, Fasten und Hypnose. Sie schreibt:
"Sie entstehen immer dann, wenn eine deutliche
- Intensivierung oder Reduktion der Außenreize (exterozeptive Stimmulationen)
und/oder motorische Aktivitäten,
- Intensivierung oder Reduktion der Aufmerksamkeit oder geistigen
Anteilnahme oder
-Anwesenheit von ‘somatopsychologischen Faktoren‘ (Drogen) auftritt [...]
Die ohne Drogen erzeugten Ausnahmezustände des Bewußtseins sind den
drogeninduzierten Veränderungen oft sehr ähnlich, [...]"
Die Ausprägung der oben genannten Charakteristika von veränderten
Bewußtseinszuständen unterliegt dabei wesentlich den bereits erläuterten
Faktoren von Dosis, Set und Setting. Im Rahmen einer Kultur oder
Gesellschaft werden veränderte Bewußtseinszustände mit gewissen Merkmalen
und Inhalten oftmals nur von wenigen Personen erreicht.
2. Geschichte des
Pilzgebrauchs
A.
Mexiko
Mexiko verfügt über eine große Zahl
rituell genutzter halluzinogener Pflanzen. Ein Beispiel ist der Gebrauch des
Peyotekaktus in Zusammenhang mit der "Peyote Jagd" bei den Huichol.
(Schultes und Hofmann, 1995) Andere wichtige Pflanzen sind verschiedene
Windenarten, besonders Turbina coymbosa (Ololiuqui), der Stechapfel
und psilocybinhaltige Pilze (Wasson, 1963; Rätsch,
1994; Schultes und Hofmann, 1995).
Psilocybinhaltige Pilze sind weit verbreitet.
Bisher sind etwa an die 30 verschiedene Arten rituell genutzter Pilze
registriert. (Rätsch und Liggenstorfer, 1996:32) Diese wurden und werden von
verschiedenen mexikanischen Völkern und Kulturen verwendet, wobei der
aztekische Name Teonanacatl nicht mehr gebräuchlich ist. (Wasson,
1967:217) Neben den Azteken und Maya fand bzw. findet sich ein Gebrauch der
Pilze bei folgenden Völkern Mexikos: bei den Mazateken, den Chinanteken, den
Chatino, den Zapoteken und Mixteken in Oaxaco, den Mije. Die Gebrauchsform
variiert je nach Stammesgebiet. Die Pilze werden alleine, in der Gruppe oder
mit Hilfe eines Curanderos, eines Heilers, eingenommen und dienen bzw.
dienten der Krankenheilung und der Beschaffung von Informationen
verschiedener Art. Überall nähert man sich respektvoll den Pilzen, ein
"lockerer" Umgang mit ihnen in einem Rahmen vergleichbar dem westlichen
Alkoholkonsum, ist nicht zu beobachten. (Wasson, 1967: 216-218). Laut
Schultes und Hofmann (1995) findet man heute den intensivsten Gebrauch bei
den Mazateken in Oaxaca.
Ein Nachweis über das tatsächliche Alter des
Pilzgebrauchs scheint bis heute nicht erbracht. Hinweise auf das Alter sind
möglicherweise die 10 bis 40 cm großen sogenannten Pilzsteine. Diese sind
zum Teil bis ins erste vorchristliche Jahrtausend datierbar. Sie werden vor
allem in Mexiko, Guatemala und El Salvador gefunden (Schultes und Hofmann,
1995; Rosenbohm, 1991; Trebes, 1996). Es handelt sich dabei um
Steinartefakte, teilweise aus Ton, die menschenähnliche Figuren mit
Auswüchsen darstellen, die durchaus an Stile und Hüte von Pilzen erinnern.
Außerdem werden verschiedene Tiere dargestellt, die einen Bezug zur
einheimischen Mythologie aufweisen (Rosenbohm, 1991:66). Dennoch gehen die
Meinungen über den Sinn dieser Plastiken bis heute weit auseinander.

Sogenannte Pilzsteine der Maya
(Schultes & Hofmann, 1995:148-149)
Neben diesen Pilzsteinen existieren Darstellungen
des Pilzgebrauchs auf Fresken. Einige Bilder scheinen, wie auch das
folgende, durch Einbeziehung mythologischer Elemente auf einen sakralen
Kontext zu verweisen. Laut Schultes und Hofmann (1995) zeigt das folgende
Bild, ursprünglich zu finden im "Magliabecchiano-Codex" aus dem 16.
Jahrhundert, das Verspeisen von Pilzen. Hinter dem Pilzesser steht
Mictlantlcuhtli, der Herrscher der Unterwelt. Die drei Pilze im
Vordergrund sind im Original jadegrün und ein Hinweis auf ihren großen Wert
als heilige Objekte. Auffällig ist bei vielen Bildern die Darstellung des
Verspeisens der Pilze in Paaren. Eine Eigenart, die auch bei den Mazateken
anzutreffen ist. Ich gehe später kurz darauf ein.

(Schultes & Hofmann,
1995:146)
Nachweisen läßt sich ein Gebrauch halluzinogener
Pilze erst durch Berichte der spanischen Eroberer Mexikos aus dem 16. bzw.
17. Jahrhundert. Besonders gut erscheint dabei die Dokumentation bei den
Azteken, bei denen diese Pilze Teonanacatl genannt wurden.
Nach Wasson (1980), Dobkin de Rios (1976) und Schultes (1940) ist der
Begriff "Teonanacatl" eine Sammelbezeichnung verschiedener halluzinogener
Pilze Mexikos. Das Wort wird häufig in der Literatur fälschlicher Weise mit
"Fleisch des Gottes" oder auch "Gottes Fleisch" übersetzt. Diese falsche
Übersetzung geht auf den Missionar Motolinía aus dem sechzehnten Jahrhundert
zurück.
Pater Motolinía schreibt:
"Diese Pilze werden in ihrer Sprache 'teunanacatlth'
genannt, was Fleisch des Gottes' bedeutet, oder des Teufels, den sie
verehren..." ( O'Gorman, 1971:32)
Richtig übersetzt heißt der Begriff soviel wie
"göttlicher", "wunderbarer" und "erfurchtsgebietender" Pilz (Wasson, 1980:
44). Auch heute ist "Gottes Fleisch" noch die gebräuchlichste Übersetzung (Rosenbohm,
1991). Wie es das eben gebrachte Zitat andeutet, sehen die ankommenden
spanischen Missionare in den Pilzgebräuchen der Einheimischen vor
allem "verwerfliche" Praktiken. Rosenbohm (1991: 70) schreibt dazu:
"Die falsche Übersetzung 'Gottes Fleisch'
verleitete Motolinía offenbar dazu, das Essen des Pilzes vorschnell mit dem
christlichen Abendmahl zu vergleichen, in welchem Gottes Fleisch und Blut
symbolisch verzehrt werden. Allerdings tat er dieses nicht ohne darauf
hinzuweisen, wie diabolisch diese indianische Sitte sei. Motolinías Fehler
wurde vom Klerus seiner und der darauffolgenden Zeit aufgegriffen, z.B. in
den Berichten der heiligen Inquisition von 1535 (1912, Bd. 3: 55) und in den
Schriften des Jacinto de la Serna (1892, Kap. 4, Sekt.3; Kap. 15, Sekt 2) in
der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts."
Dieser letztgenannte Jacinto de la Serna schreibt:
"Und was geschah, war, daß ein Indianer aus Tenango
mit Namen Juan Chichitón ins Dorf kam... Er hatte Pilze, die er in den
Bergen gesammelt hatte, mitgebracht, mit denen er einen großen Götzendienst
veranstaltete... In einem Haus, wo man sich zur Feier eines Heiligen
versammelt hatte, wurde die ganze Nacht das Teponastli [eine aztekische
Trommel] gespielt und gesungen... Nach Mitternacht gab Juan Chichitón, der
als Priester in diesem feierlichen Ritual amtete, allen Anwesenden die Pilze
nach Art der Kommunion zu essen, und Pulque zu trinken, so daß alle den
Verstand verloren, daß es eine Schande war."
(Liggenstorfer und Rätsch, 1996:44)
Ein Handbuch für Missionare tadelt im Jahr 1656 die
als Götzendienste angesehenen Rituale der Einheimischen und empfiehlt die
Ausrottung des Pilzgebrauchs. (Schultes und Hofmann 1995:145) In den
Schriften des Mönches Bernadino de Sahagún, der im sechzehnten
Jahrhundert den Pilzgebrauch beschreibt und in Skizzen festhält, bekommt man
weitere Eindrücke, wie damals Beobachtungen zum Pilzgebrauch unter den
Europäern weitergegeben werden.
Er schreibt im "Codex Florentino":
"Nanacatl. Sie werden Teonanacatl, 'Fleisch der
Götter', genannt. Sie wachsen in den Ebenen, im Gras. Der Kopf ist klein und
rund, der Stengel lang und dünn. Er ist bitter und kratzt, er brennt in der
Kehle. Er macht einen töricht; er verwirrt einen, bedrängt einen. Er ist
Heilmittel bei Fieber, bei Gicht. Nur zwei, drei werden gegessen. Er macht
traurig, bedrückt, bedrängt; er läßt einen fliehen, erschrecken, sich
verstecken. Derjenige, der viele von ihnen ißt, sieht viele Dinge, die ihn
erschrecken und ihn erheitern. Er flieht, erhängt sich selbst, stürzt sich
von einem Felsen, schreit, hat Angst. Man ißt ihn mit Honig. [...] Von
einem, der hochmütig, dreist, eitel ist, sagt man: ‘Er hat sich selbst
bepilzt"
(Liggenstorfer und Rätsch, 1996:44)
Außerdem schreibt Sahagun:
"Das erste, was man bei derlei Zusammenkünften aß,
war ein schwarzer Pilz, den sie Nanacatl nannten. Er wirkt berauschend,
erzeugt Visionen und reizt zu unzüchtigen Handlungen. Sie nehmen das Zeug
schon früh am Morgen des Festtages und trinken vor dem Aufstehen Kakao. Die
Pilze essen sie mit Honig. Wenn sie sich mit ihnen trunken gemacht haben,
beginnen sie erregt zu werden. Einige singen, andere weinen, andere sitzen
in ihren Zimmern, als ob sie tief in Sorgen versunken wären. Sie haben
Visionen, in denen sie sich selbst sterben sehen, und das tut ihnen
bitterlich leid. Andere wiederum erschauen Szenen, wo sie von wilden Tieren
angefallen werden und glauben aufgefressen zu werden. Einige haben schöne
Träume, meinen sehr reich zu sein und viele Sklaven zu besitzen. Andere
haben recht peinliche Träume: sie haben das Gefühl, als seien sie beim
Ehebruch ertappt worden oder als wären sie arge Fälscher oder Diebe, die nun
ihrer Bestrafung entgegensehen. So haben alle ihre Visionen. Ist der Rausch,
den die Pilze hervorrufen, vorbei, sprechen sie über das, was sie geträumt
haben und einer erzählt dem anderen seine Visionen." (Liggenstorfer und
Rätsch, 1996:44)
Neben diesen schriftlich fixierten Darstellungen liefert Sahagún auch
Bilder. Sie zeigen beispielsweise dämonische Wesen, wie diese die Indianer
verführen, Pilze zu essen, oder aber wie sie auf den Pilzen tanzen.
(Schultes und Hofmann 1995:146)
Mit der weiteren Eroberung Mexikos durch die Spanier scheint der
Pilzgebrauch bei den verschiedenen Völkern entweder unterbunden oder aber in
den "Untergrund" gedrängt worden zu sein. Dabei werden aber im Laufe der
Zeit christliche Elemente mit einbezogen (Benitez, 1979; Heffern, 1975).
Durch den nun verstärkt geheimen Gebrauch bleibt der Begriff "Teonanacatl"
lange Zeit nicht zuordbar und wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar mit
dem Peyotekaktus in Verbindung gebracht. (Safford, 1915)
Es sind schließlich Pilzrituale bei den Mazateken,
die endgültig die Identität des Teonanacatl klären können. Zum Zeitpunkt
dieser Wiederentdeckung bewohnen die Mazateken verstreut überwiegend den
nordöstlichen Teil des mexikanischen Staates Oaxaca: Bergregionen und
dazwischen liegende Täler. Die Population wird im Handbook of Middle
American Indians (Weitlaner und Hoppe, 1969:516) für das Jahr 1950 mit
einer Größe von 89703 Menschen angegeben. Die wirtschaftliche Grundlage
bildet auch heute noch die Landwirtschaft (Breier, 1996). Die dominante
Religion ist das katholische Christentum. Daneben existieren allerdings
viele Elemente der älteren stammesreligiösen Vorstellung: vor allem die
Verehrung der Besitzer der Berge, der Wasserfälle und der Höhlen, ebenso die
Verehrung von "Vater Donner", "Vater Sonne" und "Mutter Mond" (Weitlaner und
Hoppe, 1969:520).
Bei den Mazateken sind viele Heiler aktiv, die sich sowohl auf die alten
stammesreligiösen als auch christliche Elemente stützen. Besonders im
Hinblick auf die Verwendung halluzinogener Pflanzen kommen alte
schamanistische Techniken und Anschauungen zum Ausdruck. Neben den Pilzen
werden vor allem die Trichterwinde (Ololiuhqui) und Salvia divinorum (Hojas
de la Pastora) verwendet. (Weitlaner und Hoppe, 1969:520)
Die Geschichte des Pilzgebrauchs bei den Mazateken
ist bisher nicht näher erforscht. Erfaßbar wird sie erst mit dem Zeitpunkt
der intensiven Erforschung durch R. Gordon Wasson und seiner Frau in den
fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts. Mögliche Hinweise auf das Alter des
mazatekischen Gebrauchs sind Elemente, die bereits bei Darstellungen des
Pilzgebrauchs aus dem 16. Jahrhundert auftauchen, wie etwa der Umstand, daß
immer zwei Pilze (paarweise) ausgeteilt werden.
Maria Sabina, jene Schamanin der Mazateken, die R. Gordon Wasson und
seiner Frau Einblick in die Pilzrituale bietet, erwähnt selber eine
Tradition des Pilzgebrauchs. (Estrada, 1996:40)
Die erste unmittelbare Begegnung mit dem
Pilzgebrauch findet in diesem Jahrhundert meines Wissens erstmals in den
dreißiger Jahren statt (Johnson, 1939:134f). Bis zu den Publikationen von
Gordon Wasson scheint ein "authentischer" Pilzgebrauch Bestandteil des
Lebens der Mazateken zu sein. In der Folgezeit, vor allen mit dem Eintreffen
von Wissenschaftlern und Pilzkonsumenten, beginnt sich dies allerdings zu
ändern. In den sechziger Jahren startet schließlich ein "Pilztourismus" in
das Siedlungsgebiet der Mazateken mit einer Reihe von negativen Auswirkungen
für die praktizierenden Einheimischen. Jonathan Ott schreibt:
"Der Pilztourismus, der Wassons Eindringen (...)
folgte, profanisierte die wunderbaren Pilze, die zu gewöhnlichen
touristischen Handelsobjekten wurden. Selbsternannte Schamanen führten
falsche Pilzzeremonien für die ungeduldigen Touristen auf; die Pilze selber
wurden ganz offen wie so viele billige Schmuckstücke und Souvenirs
verkauft.(Ott, 1995:13f)
Auch Maria Sabina verurteilt das Verhalten der
Ausländer:
"Die jungen Leute aßen die niños santos an jedem
beliebigen Ort. Es war ihnen gleichgültig, ob sie die Pilze sitzend, im
Schatten einer Kaffeepflanzung oder auf einem Felsblock am Bergweg zu sich
nahmen. Die blonden und dunkelhaarigen jungen Leute beachten unsere Bräuche
nicht. Ich kann mich nicht erinnern, daß die niños santos jemals mit so
wenig Respekt gegessen wurden. [...] Der Mißbrauch, den die jungen Leute mit
den cositas trieben war skandalös. (Estrada, 1996: 75)
Nach dem Einschreiten der Behörden und der
Entdeckung ähnlicher Pilzarten rund um die Erde (Ott, 1995:14) kann sich die
Situation der einheimischen Indianer normalisieren.
In den neunziger Jahren u.a. im deutschen Fernsehen
ausgestrahlte Dokumentationen zeigen, daß es nach wie vor Schamanen in
Oaxaca gibt, die in ritualisierter Form - genau wie Maria Sabina - Pilze zu
sich nehmen. (Breier, 1996)
Weitere Einzelheiten der Geschichte des
mazatekischen Pilzgebrauchs werden im folgenden Kapitel dargestellt, da sie
ebenso Teil der Geschichte des mitteleuropäischen Pilzgebrauchs sind.
B.
Mitteleuropa
In Bezug auf den Gebrauch von halluzinogen
wirkenden Pilzen in Mitteleuropa ist für die vergangenen Jahrhunderte nur
der Gebrauch des Fliegenpilzes belegt (Rätsch, 1992: 103). Die Verwendung
psilocybinhaltiger Pilze ist hingegen wissenschaftlich nicht abgesichert.
(Rätsch, 1993:21-24) Dennoch dürften psilocybinhaltige Pilze als
"berauschende Pflanzen" bereits in den vergangenen Jahrhunderten bekannt
gewesen sein. Rätsch (1992) und Gartz (1993) weisen auf den Begriff
"Narrenschwämme" hin, der auf Pilze angewendet wird, die Narrheit, Tollheit
oder Wahnsinn hervorrufen.
Psilocybinhaltige Pilze sind in Europa weit
verbreitet. Bedeutendster Vertreter ist hier der Spitzkegelige Kahlkopf
(Psilocybe semilanceata). Er ist von September bis Januar vorwiegend auf
Weideflächen, aber auch in Parkanlagen und auf Sportplätzen zu finden
(Gartz, 1993). Im Wald kommt er hingegen nicht vor. Rätsch bezeichnet ihn
als "Kulturfolger des Menschen" (Rätsch, 1995a: 301).
Der Chemiker Jochen Gartz stellt weiterhin fest:
"Man kann heute sagen, daß die Psilocybe
semilanceata der psychotrope Pilz Europas hinsichtlich Verbreitung,
Erforschung und Anwendung ist." (Gartz 1993:23)
Was die eben erwähnte Anwendung betrifft, läßt sich
in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts für den westlichen Kulturkreis,
also auch für Mitteleuropa, folgendes beobachten:
"Besonders der Umgang mit (...) psychedelischen
Pilzen hat eine eigene Tradition hervorgebracht, die sich heute zwar
weltweit, aber hauptsächlich in Nordamerika und Mitteleuropa etabliert hat
(...). Die historischen Wurzeln dieser modernen Rituale lassen sich im
wesentlichen auf die geistigen Väter der Hippies und die Schamanen der nord-
und mesoamerikanischen Indianer zurückführen" (Rätsch, 1995a: 300)
Neben diesen Ritualen existieren gleichsam solche,
die eher in einer lockeren, ungezwungenen Atmosphäre stattfinden,
beispielsweise im Rahmen einer Party (Rushkoff, 1995).
Ich bringe nun einen kurzen Abriß der Geschichte des modernen rituellen
Pilzgebrauchs. Damit sollen gleichzeitig die historischen Verbindungen zum
mesoamerikanischen Gebrauch der Pilze aufgezeigt werden.
Wie ich bereits weiter oben anführe, kommt es infolge der
Missionierungsbestrebungen der Spanier zu einem Rückgang bzw. einem
zunehmend okkulten Gebrauch der Pilze in Mexiko. So ist noch Anfang dieses
Jahrhunderts unter westlichen Wissenschaftlern der Begriff Teonanacatl
nicht zuordbar, bzw. wird er falsch zugeordnet. Eine Schlüsselrolle spielt
hier der amerikanische Botaniker William Safford. Dieser behauptet
1915, daß Teonanacatl nicht wie die Spanier berichten ein Pilz sei,
sondern der Peyotekaktus (Safford, 1915: 291-311; Hofmann, 1996a: 113).
Schon bald darauf wendet sich der mexikanische Mediziner Dr. Blas Pablo
Reko gegen diese Darstellung, da er im südlichen Mexiko auf Hinweise
gestoßen sei, die vermuten ließen, es gäbe auch im 20. Jahrhundert noch den
Gebrauch dieser Pilze. Diese Hinweise bestätigen sich aber erst in den
dreißiger Jahren. In den Jahren 1936 bis 1938 finden der Anthropologe
Roberto Weitlaner und der Harvard-Botaniker Richard E. Schultes
tatsächlich Pilze im südlichen Mexiko. 1938 schließlich kann eine Gruppe
amerikanischer Anthropologen unter der Führung von Jean B. Johnson
erstmals einem nächtlichen Pilzritual als Zuschauer beiwohnen. Dies
geschieht in Huautla de Jimenez, der Hauptstadt des Mazatekenlandes
im Staat Oaxaca. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wird die weitere
Erforschung des Pilzgebrauchs gestoppt. (Hofmann, 1996a: 114)
Den entscheidenden Durchbruch bei der Erforschung
gibt es erst in den fünfziger Jahren durch die Bemühungen des bereits
erwähnten Ehepaars R. Gordon Wasson und Dr. Valentina
Pawlovna. 1952 erfahren sie das erste Mal von Pilzkulten in Südmexiko
und beginnen, Publikationen zum Thema zu sichten. Besonders hilfreich
erscheinen ihnen dabei die alten spanischen Chroniken aus dem 16. und 17.
Jahrhundert. Sie beginnen mit Freunden, u.a. mit Roberto Weitlaner, die
alten Schriften zu studieren:
"Wir analysierten diese Zitate und markierten auf
einer Karte von Mexiko die Stellen, auf die sie sich bezogen, trugen die
Beschreibungen der Pilze zusammen und überprüften, was über ihren Genuß
gesagt worden war.[...]
Seit 1953 unternahmen wir jedes Jahr eine Expedition nach Südmexiko, in die
entlegenen Bergfestungen, in denen der Pilzkult überlebt hat. (Wasson, 1967:
214)
Durch einfühlsame Kontaktaufnahme mit den
Einheimischen gelingt es ihnen schließlich, Zugang zu Pilzritualen zu
bekommen. Sie erhalten die Erlaubnis, aktiv an einem Pilzritual der
Mazateken in Huautla de Jimenez teilzunehmen und die Pilze zu essen..
Ihre Erfahrungen veröffentlichen sie 1957 im Life Magazin. Weitere,
zum Teil sehr umfangreiche Publikationen folgen.
Gordon Wasson und Valentina Pawlovna nehmen 1956
den Botaniker Roger Heim mit nach Mexiko. Dieser kann zusammen mit
seinem Assistenten Roger Cailleux eine Bestimmung verschiedener verwendeter
halluzinogener Pilze vornehmen, und es gelingt ihnen sogar, diese in einem
Labor in Paris nachzuzüchten. (Wasson, 1967: 216)
Trotz der Bestimmung und Nachzüchtung der Pilze ist
es allerdings noch nicht gelungen, das psychotrope Agens der Pilze zu
isolieren. Erst eine Arbeitsgruppe unter Albert Hofmann, die in den
Laboratorien der Baseler Firma Sandoz forscht, ist hier erfolgreich.
Albert Hofmann hat bereits 1938 gezielt LSD für medizinische Belange
hergestellt, ohne allerdings von seinen halluzinogenen Eigenschaften zu
wissen. Diese entdeckt Hofmann erst im Frühjahr 1943, als er bei Arbeiten
mit dieser Substanz ungewöhnliche Wahrnehmungen an sich feststellt.
(Hofmann, 1996a: 24-26).
In den ersten Jahren nach der Entdeckung ist eine
ungestörte Erforschung von LSD noch möglich. Dies ändert sich allerdings
innerhalb weniger Jahre, da LSD ein Interesse erfährt, wie es Hofmann nicht
für möglich gehalten hat. Hofmann schreibt:
"In den ersten Jahren nach seiner Entdeckung
verschaffte mir LSD Beglückung und Befriedigung, wie sie der pharmazeutische
Chemiker empfindet, wenn sich die Möglichkeit abzeichnet, daß eine von ihm
hergestellte Substanz sich zu einem wertvollen Medikament entwickeln könnte.
[...]
Diese Freude an der Vaterschaft von LSD wurde getrübt, als nach mehr als
zehn Jahren ungestörter wissenschaftlicher Forschung und medizinischer
Anwendung LSD in den Sog der mächtigen Rauschgiftwelle geriet, die sich Ende
der fünfziger Jahre in der westlichen Welt, vor allem in den USA,
auszubreiten begann. Unheimlich schnell machte LSD in seiner neuen Rolle als
Rauschmittel Karriere und war eine Zeitlang die Rauschdroge Nummer Eins,
zumindest was die Publizität anbelangt. Je mehr sich seine Anwendung als
Rauschmittel verbreitete und damit die Zahl der durch leichtsinnigen,
ärztlich nicht überwachten Gebrauch verursachten Zwischenfälle anstieg,
desto mehr wurde LSD für mich und für die Firma Sandoz zum Sorgenkind.
(Hofmann, 1996a:61)
Was Albert Hofmann hier beschreibt, ist Teil der
sogenannten Gegenbewegung der sechziger Jahre, die etablierte Werte und
Traditionen in Frage stellt und sich neuen und/oder alternativen
Lebensweisen zuwendet: The Psychedelic Cult of the 1960s (De Ropp,
1987:52) Die Ursachen für die Entwicklung des psychedelischen Kultes sind
vielfältig, und wurden bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten durch
Intellektuelle und Künstler vorbereitet. Hierzu können u.a. William James,
Aldous Huxley, Alan Watts, Timothy Leary gezählt werden. Sie selbst haben
mit verschiedenen psychotropen Substanzen gearbeitet (Lachgas, LSD, Mescalin,
Psilocybin, Haschisch und Marihuana) und diese als inspirierend, heilend,
bewußtseinserweiternd , aber auch als eine religiöse Erfahrung betrachtet.
Man kann sie als die geistigen Väter dieses Psychedelic Cult
betrachten. (Schmidbauer und vom Scheidt, 1998 ; Rätsch, 1995a; 1995b)
Besonders die Anwendung von LSD im medizinischen und psychotherapeutischen
Bereich bringt in den fünfziger und sechziger Jahren eine Fülle von
Fachpublikationen auf den Markt. LSD scheint zur damaligen Zeit neue
Perspektiven der Therapie aufzeigen zu können, die sogar zur Entwicklung von
speziell auf Halluzinogenen basierenden Therapien führt. (Hofmann, 1996a)
Die positiven und zum Teil durchaus spektakulären Erfahrungen solcher
wissenschaftlichen Untersuchungen finden auch ihren Weg in die
Boulevardpresse. Hier werden sie seit den fünfziger Jahren häufig reißerisch
dargestellt. Beispielsweise preist Hollywood-Star Cary Grant 1959 in einem
Magazin die therapeutischen Qualitäten der neuen Substanz. (Hofmann, 1996a:
64f) Andererseits werden vereinzelt auftretende Unglücksfälle, die in
Zusammenhang mit dem Konsum von LSD gesehen werden, überzogen negativ
dargestellt. Dies trägt schließlich wesentlich zur nachfolgenden Ächtung und
zum Verbot von LSD bei. (Schmidbauer und vom Scheidt, 1998: 207ff)
In der Mitte der sechziger Jahre erreicht die als
ambivalent zu betrachtende Popularität von LSD ihren Höhepunkt. LSD ist
wesentlicher, aber nicht alleiniger Bestandteil des Psychedelic Cult.
Viele Menschen experimentieren in dieser Zeit mit verschiedenen Substanzen
gleichzeitig. Vertreter der Musikkultur und der Malerei greifen das Thema
auf oder leben es vor (Rätsch 1995a; vom Scheidt 1998: 404f) Besonders
populär wird der psychedelische Kult aber durch das vehemente Vorgehen des
Psychologen Timothy Leary. Sein Weg führt ihn, nachdem er von den
mexikanischen Pilzen Kenntnis bekommt, über therapeutische Versuche mit
ihnen, Anfang der sechziger Jahre zum LSD. Durch Leary gewinnt die Substanz
eine symbolische Bedeutung für diesen Kult. Es wird als Sakrament
verstanden, dessen Konsum dem Menschen den Weg in eine bessere Welt weisen
könne. (Schmidbauer und vom Scheidt, 1998: 228f)
1966 sperrte Sandoz wegen des ausufernden Konsums die Abgabe von LSD. In den
folgenden Jahren ziehen viele Staaten der Erde nach und reglementieren den
Konsum in entsprechenden Gesetzgebungen. (Schmidbauer und vom Scheidt, 1998:
207ff)
Doch zurück zu den Pilzen. Die Entdeckung des
psychotropen Agens der "Heiligen Pilze" aus Mexiko beginnt 1957. Der bereits
erwähnte Roger Heim hat die Pilze an Hofmann herangetragen, da er vermutet,
daß die Erfahrungen, die Hofmann bei der Analyse von LSD gemacht hat, ihnen
helfen können, nun auch den Wirkstoff der Pilze zu isolieren. So sei es LSD
gewesen, das dem Teonanacatl den Weg in ihre Laboratorien gewiesen
habe, schreibt Hofmann (1996a: 118).
Infolge der Untersuchungen, die auch Eigenversuche Hofmanns umfassen, kommt
es zur Isolierung von zwei neuen kristallinen Substanzen, die Hofmann "Psilocybin"
und "Psilocin" nennt. Dieses Ergebnis wird erstmals im März 1958
veröffentlicht. Weitere Untersuchungen können endgültig die chemische
Struktur ermitteln und eine Verwandtschaft mit LSD aufzeigen. Diese
Verwandtschaft bezieht sich sowohl auf den chemischen Aufbau als auch auf
die Wirkungen. Psilocybin und Psilocin können nachfolgend sogar
synthetisiert werden (Hofmann, 1996a: 119-123).
1962 nimmt Hofmann auf Einladung von Gordon Wasson an einem Pilzritual in
Mexiko, Oaxaca, teil. Hier trifft auch er auf die Curandera Maria
Sabina. Hofmann übergibt der Heilerin den synthetisierten Wirkstoff der
Pilze in Tablettenform. Maria Sabina nimmt die Tabletten in dieser Runde und
bescheinigt Hofmann ein authentisches Erlebnis. Dies ist für ihn der
endgültige Beweis für die gelungene Synthese (Hofmann, 1996a:135-151).
Die Wiederentdeckung der "Heiligen Pilze" Mexikos
und die weitere Erforschung ihrer psychotropen Wirkstoffe, die letztendlich
zur Feststellung ihrer Verwandtschaft mit LSD führten, finden also in einer
Zeit statt, in der LSD zunehmend Verbreitung findet und aufgrund seines auch
zunehmend unkontrollierten Gebrauchs verschärft Kritik und Einschränkung
erfahren muß. Hofmann, der den Pilzgebrauch der Europäer und Nordamerikaner
nicht sehr positiv sieht und eher die Auswirkungen auf den traditionellen
Gebrauch im Auge hat, schreibt:
Die Profanisierung des Pilzkultes blieb bei der
wissenschaftlichen Erforschung nicht stehen. Die Publikationen über die
Zauberpilze zogen eine Invasion von Hippies und Drogensüchtigen ins
Mazatekenland nach sich, von denen sich viele schlecht, manche sogar
kriminell aufführten. Eine weitere unerfreuliche Folge war die Entstehung
eines richtiggehenden Tourismus nach Huautla de Jimenez, durch den die
Ursprünglichkeit des Ortes weitgehend zerstört wurde. (Hofmann, 1996a:150)
Dieser Pilztourismus geht in den siebziger Jahren
allmählich zurück, nachdem die mexikanischen Behörden stärker eingreifen (Estrada,
1996: 75) und sich bei den Pilzkonsumenten das Wissen verbreitet, daß es in
Nordamerika und Mitteleuropa ebenfalls psilocybinhaltige Pilze gibt. Auch
hier war Hofmann wieder beteiligt, der von einem Schweizer Almbewohner den
Hinweis auf einen einheimischen "Zauberpilz" erhält. (Rätsch 1995a: 301)
In den siebziger Jahren verbreitet sich nicht nur
das Wissen um die Standorte und Sammelzeiten der europäischen
psilocybinhaltigen Pilze, es erscheinen auch Publikationen, die
Kultivierungsmethoden mexikanischer Pilze beschreiben. (Oss und Oeric, 1981)
Als erster berichtet Adrian Linder nun auch von einem Pilzkult in der
Schweiz Anfang der siebziger Jahre. (Linder, 1981)
Bis zu den neunziger Jahren nimmt der Gebrauch von
psilocybinhaltigen Pilzen in Europa ständig zu.(Rätsch, 1995a) Der
ambitionierte Forscher und Schriftsteller Terence McKenna, der zunehmend ab
den achtziger Jahren publiziert, propagiert ähnlich wie Leary den Gebrauch
von Halluzinogenen zur Freilegung des menschlichen Potentials und betrachtet
besonders die "Heiligen Pilze" als Katalysatoren für die evolutionäre
Entwicklung des Menschen. Er fordert weiterhin eine Rückbesinnung auf
archaische Traditionen, um mit dem Göttlichen in Verbindung zu
treten.(McKenna, 1991)
In den neunziger Jahren scheint der Konsum
halluzinogener Pilze in westlichen Industrienationen seinen bisherigen
Höhepunkt erreicht zu haben. Die Pilze werden in verschiedenen Settings
eingenommen. So haben sie beispielsweise neben Substanzen wie MDMA,
bzw. Ecstasy ihren Platz auf sogenannten Techno -und
Houseparties (Rushkoff, 1995). Ebenso finden sich dezentralisierte
sakrale Pilzrituale (Rätsch, 1995a).
Mit der Popularisierung des Internet trägt besonders dieses Medium
zur Verbreitung und Kommunikation unter Pilzkonsumenten und Interessenten
bei. (Rätsch, 1995a:304)
"Es ist, glaube ich, nicht übertrieben zu sagen,
daß das Wissen um die entheogenen Pilze noch niemals so verbreitet war wie
heute. (Rätsch, 1995a:303)
Dabei scheint es keine geschlossene Szene von Pilzkonsumenten zu geben.
LSD-Konsumenten dürften zur Gruppe der Pilzkonsumenten zählen und umgekehrt,
obwohl die Pilze vorgezogen würden, da sie natürlich seien und eine
Verbindung zur "Mutter Natur" hätten (Rätsch, 1995a: 304).
3. Darstellung des
Pilzgebrauchs
In diesem Kapitel sollen nun zwei Beispiele des
ritualisierten Pilzgebrauchs dargestellt werden: ein Ritual der Mazateken,
die velada, wie es auch von Maria Sabina praktiziert wird und
sogenannte Kreisrituale in Mitteleuropa, die meines Wissens am
ausführlichsten von Christian Rätsch untersucht und dargestellt werden.
Mexiko
In Kapitel 2. weise ich darauf hin, daß der
Gebrauch der halluzinogenen Pilze in Mesoamerika bzw. in Mexiko bei den
verschiedenen Völkern variiert. Bevor ich auf die Rituale der Mazateken
eingehe, möchte ich einleitend eine kurze Skizze der Pilzrituale
mexikanischer Völker mit Hilfe der Worte Gordon Wassons geben:
"In den entlegenen indianischen Dörfern betrachten
die Indianer die psychotropen Pilze als heilig. Sie fürchten sie und beten
sie an. Obwohl die Pilze nirgends mehr mit dem aztekischen Begriff
teonanacatl, "Gottes-Fleisch" bezeichnet werden, betrachten die Indianer
sie als Schlüssel zur Kommunikation mit der Gottheit. Heute werden die Pilze
hinter verschlossenen Türen gegessen, in der Stille und Dunkelheit der
Nacht. Sie werden nicht auf dem Markt für Geld gehandelt, sondern sorgfältig
eingewickelt [...] und privat überbracht. Die Indianer sprechen nicht
öffentlich über die Heiligen Pilze [...] Es muy delicado, es ist sehr
gefährlich, sagen die Indianer. Nicht leichthin einzunehmen, nur als
Sakrament. [...] Die Pilze werden genommen, wenn ein ernstes Problem gelöst
werden muß; und zwar, wie ich glaube, nur dann. Vielleicht herrscht eine
Krankheit in der Familie, dann befragt man den Pilz, um zu erfahren, ob der
Patient leben oder sterben wird. Lautet der Spruch auf Tod, zögert die
Familie nicht länger, sondern beginnt mit den Vorbereitungen für die
Leichenfeier, die kranke Person verliert ihren Lebenswillen und gibt kurz
darauf ihren Geist auf. Lautet der Spruch auf Leben, so wird der Pilz sagen,
was getan werden muß, damit der Patient sich erholt. Auch wenn ein Esel
verlorenging oder Geld gestohlen wurde, wird der Pilz befragt und gibt
Antwort. Bei diesem ungebildeten Volk, das keine Schriftsprachen kennt,
kommen selten Nachrichten von einem abwesenden Familienmitglied [...]. Hier
überbringt der Pilz wie die Post Botschaften des Abwesenden, teilt mit, ob
er lebt und gesund ist, ob krank oder im Gefängnis, reich oder arm, ob er
verheiratet ist und ob er Kinder hat.
Die Art und Weise des Pilzgenusses ist unterschiedlich. In der Mixe-Region
verzehrt der Fragesteller die Pilze allein, nur mit einem Freund, der die
Ereignisse beobachten und bezeugen kann. In anderen Regionen wird ein
Curandero oder Heilkundiger herbeigerufen, der die Pilze einnimmt und sie
auch anderen Anwesenden anbieten kann. [...] Die Curanderos werden von Gott
berufen. Das heißt, man wird Curandero, weil einem die Pilze, wenn man sie
verzehrt hat, befehlen, diesen Berufe zu ergreifen. (Wasson, 1967: 217f)
Wasson weist darauf hin, daß es zwei unterschiedliche Arten von Zeremonien
eines Curandero gibt. Bei der einen werden die Pilze in einem "Pilzgebiet"
als zusätzliches Element in ein in ganz Mittelamerika übliches- sonst ohne
Pilze stattfindendes Ritual eingebunden, um die seherischen Kräfte zu
unterstützen; bei der anderen Art stehen die Pilze und ihre Wirkung im
Mittelpunkt des Geschehens. (Wasson, 1967: 218f)
Alle Varianten von Pilzritualen können heute als synkretistisch bezeichnet
werden. Besonders haben sich nach der spanischen Eroberung Einflüsse des
Katholizismus zu den schamanistischen Elementen der Pilzrituale gesellt. (Rosenbohm,
1991: 61)
Wie ich im folgenden zeige, finden sich viele Aspekte bei den Mazateken
wieder. Die gemeinschaftliche Form des Rituals mit einem curandero oder
einer curandera ist im Mazateken-Gebiet die verbreitete Ritualform. Sie
gehört der oben geschilderten zweiten Art von Ritual an, das heißt, die
Wirkung der Pilze steht im Mittelpunkt des Rituals. Der curandero oder die
curandera läßt die Pilze Besitz von sich ergreifen und versucht die an sie
herangetragenen Probleme in der Rolle eines Mittlers den höherstehenden
Mächten zu übermitteln. Diese sollen darauf hin tätig werden (Wasson, 1967:
218). Ein solches Ritual – die velada - soll erklärt und dargestellt
werden.
A. Darstellung der Ritualteilnehmer und Ihre
Vorstellungen und Erwartungen in Bezug auf das Ritual und die Pilzwirkung
Mir vorliegende Quellen zeigen, daß das Pilzritual
der Mazateken sowohl Männern als auch Frauen offensteht, denen der Pilz bei
der Bewältigung von Problemen helfen soll. (Wasson, 1967; Rosenbohm, 1991;
Schultes & Hofmann, 1995; Estrada, 1996) Sogar Kinder und Jugendliche können
teilnehmen und manchmal werden auch ihnen die Pilze gegeben (Estrada, 1996:
47). Maria Sabina berichtet von den Menschen, die zu ihr kommen:
"Die Leute kamen von Tenango, Río Santiago oder von
San Juan Coatzospan (Anmerkung von Estrada: San Juan Coatzospan ist eine
mixtekische Siedlung, eingebettet in eine rein mazatekische Region). Die
Kranken waren blaß und bleich." (Estrada, 1996: 42)
Die Ritualteilnehmer sind somit auch Angehörige
anderer Völker.
Besonders durch Kontakte mit der westlichen Kultur entstehen ständig neue
Situationen, die sich auf die Zusammensetzung der Teilnehmer auswirken.
Im vorstehend gebrachten Zitat spricht Wasson vom
curandero als Leiter des Pilzrituals. Maria Sabina allerdings bezeichnet
sich nicht als curandera, sondern als sabia. Als solche ordnet sie
sich über die Tätigkeit des curanderismo und ebenso über die des
brujería (Estrada, 1996:45f). Wie Estrada (1996: 22) und Rosenbohm
(1991: 71) darlegen, gehören aber alle drei Kategorien, die des Sabio
(spanisch: Weiser, mazatekisch: chotà-a tschi-née = weise Person), des
curandero (=spanisch: Heiler, mazatekisch: chotáa-xi-bendáa=der/die
erbaut) und des hechicero oder auch brujo (spanisch: Zauberer
oder Hexe, mazatekisch: tji-ée=Zauberer, Hexe) bei den Mazateken zur
Kategorie der Heiler (spanisch: curandero, mazatekisch:chotáa-xi-bendáa).
Jeder hat seine speziellen Methoden des Heilens. Der hechicero bzw.
brujo steht hierbei auf der untersten Stufe; er gilt als gefährlich,
da er auch die Fähigkeit besitzt, Böses zu verrichten.
Der curandero, der eigentliche Heiler steht darüber. Er massiert,
benutzt medizinisch wirksame Substanzen, führt Beschwörungen aus, verwendet
"Kunstgriffe" und ruft die Herren der Plätze, Berge und Quellen an.
Die oberste Kategorie, die des sabio ist die Bezeichnung für einen
mazatekischen Schamanen. Dieser tut ausschließlich Gutes, besitzt eine
ehrbare und tapfere Lebensgestaltung (Rosenbohm, 1991: 719), heilt und
weissagt nur mit Hilfe der Weisheit der Sprache der Pilze, den
Eingebungen während des Rausches (Munn, 1973), von denen er auch in sein Amt
geführt wird. Er vollzieht das Pilzritual, legt Ort und Termin fest und
entscheidet, wer ebenfalls Pilze nehmen darf. Der sabio enthält für
seine Tätigkeit ein kleines Entgelt oder auch Naturalien. (Hofmann, 1987:50)
Wie bereits mehrfach angeführt, finden sich bei den
Pilzritualen der Mazateken Elemente verschiedener Kulturen, was sich
aufgrund der Geschichte erklären lassen dürfte. Die Bedeutung christlicher
und indigener Elemente ist aber auch eine Angelegenheit des Schamanen. So
sagt Maria Sabina, daß der Weise von den Pilzen während der Ekstase gefragt
werde, welchen Führer er wähle. Es stünden hierbei indigene Gottheiten wie
beispielsweise der Herr der Berge (Chicon Nindo) oder aber Gott
Jesus zur Wahl. (Estrada, 1996: 83)
Die Pilze sind mächtige Wesen mit göttlicher Herkunft (Rosenbohm, 1991:82).
Die Mazateken glauben beispielsweise, daß sie durch das Blut oder den
Speichel von Jesus Christus entstanden seien (Hofmann, 1996a: 115) und Maria
Sabina sagt, daß ein Gott in den Pilzen stecke (Estrada, 1996: 78). Die
Pilze heißen bei den Mazateken ndi-xi-tjo. Es ist der heiligste Name
der Pilze und wird nur selten und auch nur mit gesenktem Kopf ausgesprochen
(Estrada, 1996: 69; Rosenbohm 1991: 77f) Die ganze Bedeutung dieser
Bezeichnung lautet: ‚die lieben kleinen Kobolde, welche hervorspringen‘.
Diese Bezeichnung weist auf den Umstand hin, daß die Pilze, nur weil Gott es
wolle und ohne, daß sie jemand gepflanzt habe, aus dem Boden kämen. (Rosenbohm,
1991: 83)
Maria Sabina bezeichnet die Pilze ebenso als Sächelchen (mazatekisch:
ndi-tzojmi, spanisch: cositas), Clowns (mazatekisch:
sa-se, spanisch: payasos) und liebe kleine Kinder (mazatekisch:
ndi-xti, spanisch: niñitos), denen man sich mit großer
Ehrfurcht aber auch mit liebevoller Zuneigung nähert (Rosenbohm 1991: 82f).
Die Mazateken bezeichnen sie weiterhin als heilige Kinder (spanisch:
niños santos) (Estrada 1996: 79).
Die seit altersher praktizierte Methode, die Pilze
paarweise auszuteilen, weist möglicherweise auf eine alte Vorstellung hin,
die Pilze seien weibliche und männliche Erdgottheiten. (Rosenbohm, 1996: 85)
Die Wirkungsweise der Pilze wird von verschiedenen
Vorstellungen und Erfahrungen begleitet. So verwandeln sich die Schamanen in
mythologische Gestalten. Maria Sabina beispielsweise findet sich während der
Pilzwirkung als Frau des kriechenden Wassers wieder. Diese Gestalt
ist in der Mythologie der Mazateken die Frau des Chicon Nindo, des
Herren der Berge, der die Macht hat, Geister zu beschwören und
Krankheiten zu heilen. (Rosenbohm, 1991:82; Estrada 1996: 41)
Während der Ekstase reist der Schamane zu den dem
Anlaß des Rituals entsprechenden indigenen bzw. christlichen Gott und zu
Göttern, Geistern oder Heiligen, befragt sie und bittet um Beistand. (Rosenbohm,
1991: 86f)
Maria Sabina begegnet in der Ekstase den Grundexistenzen (mazatekisch:
chotáa-tjí-tjón, spanisch: los seres principales); das sind
die im veränderten Bewußtseinszustand wahrgenommenen verwandelten Pilze.
Diese geben ihr die Mittel und die Weisheit zu heilen und zu wissen. Aber
vor allem geben sie ihr das Buch der Sprache. In diesem "Buch" lernt
sie die Sprache, mit der sie während der Rituale arbeitet. (Estrada,
1996:40)
Ein Hauptmotiv der Ekstase ist die Überzeugung, daß die Pilze, bzw. die
dahinterstehenden mächtigen Wesen, in den Ritualen durch die Schamanen
sprechen (Rosenbohm, 1991: 84). Maria Sabina sagt dazu:
"Ich höre Stimmen. Sie sprechen zu mir. Es ist die
Stimme des ‚Kleinen der aus dem Boden sprießt‘. Der Gott, der in ihnen
wohnt, betritt meinen Körper. Meinen ganzen Körper überlasse ich den
niños santos. Sie sind es, die sprechen. Während der veladas
arbeiten sie in meinem Körper [...] " (Estrada, 1996: 83)
Zu den Erwartungen, die an das Pilzritual gestellt
werden, kann für die Mazateken das wiederholt werden, was einleitend durch
den Text von Wasson zum Ausdruck kommt: die Pilze werden genommen, um
Krankheiten zu diagnostizieren, Behandlungsmöglichkeiten zu erfahren und
Behandlungen durchzuführen. Außerdem dienen die Rituale dazu, Wissen von
verlorengegangenen Gegenständen, Tieren und Menschen zu erlangen, oder die
Umstände gewisser Personen zu erfragen, die sich weit entfernt aufhalten.
Die Pilze werden nicht der mystischen Versenkung wegen bzw. um Gott zu
begegnen, eingenommen. Auf diesen Umstand weist Maria Sabina hin, die von
Ausländern, die Gott begegnen wollen, gebeten wird, für sie ein Ritual
abzuhalten. (Estrada, 1996: 75)
B. Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Rituals
Diejenigen Menschen, die nach einem Ritual
verlangen, müssen es in der Regel bei dem Schamanen anmelden. Infolgedessen
wird der Schamane dann Ort und Termin bekannt geben. (Rosenbohm, 1991: 75)
Wasson berichtet, daß am Tag des Rituals nach dem Frühstück gefastet werden
soll. (Wasson, 1980:34 ) Desgleichen dürfen die Mazateken vier Tage vor und
nach der velada keinen Alkohol trinken und keine Eier essen. (Rosenbohm,
1991:75)
Es gibt eine Reihe weiterer Vorschriften für das Sammeln der Pilze und die
Vorbereitungen auf das Ritual:
Die Pilzrituale werden im allgemeinen geheim gehalten. Sammelt man die Pilze
und hat vier Tage vor und nach der velada Geschlechtsverkehr so wird
man zeremoniell unrein. Ebenso ist der Geschlechtsverkehr generell in den
Bergen verboten, da man sich so den Zorn der dort lebenden Geister zuzieht (Rosenbohm,
1991: 76). Jedweder Geschlechtsverkehr, der dem Ritual zeitlich nahesteht,
wird als gefährlich betrachtet. (Estrada, 1996: 79)
Allgemein hat man sich den Pilzen mit dem nötigen Respekt und einem
gebührenden Anlaß zu nähern. Geschieht dies nicht, kann der oder diejenige
wahnsinnig werden. (Estrada, 1996: 75; Rosenbohm 1991:77) Für schwangere
Frauen ist der Pilz absolut tabu (Wasson, 1980: 34). Der Grund scheint mir
ein medizinischer zu sein, um Mutter und Kind nicht zu gefährden.
Wasson (1980:32) berichtet, daß in früheren Zeiten eine Jungfrau (span.:
doncella) die Pilze vor Sonnenaufgang sammeln mußte. Heute werden die
Pilze vom Schamanen in einem geschlossenem Paket nach Hause getragen.(Breier,
1996)
Schultes und Hofmann (1995) berichten, daß die Pilze bei Neumond gesammelt
werden müssen und anschließend eine gewisse Zeit in der Kirche auf den Altar
gelegt werden.
Die Pilze werden bei den Mazateken frisch und vollständig, so wie sie aus
dem Boden kommen, verzehrt. (Wasson 1980:32)
Bei anderen Stämmen gibt es durchaus andere Zubereitungsarten, bei denen die
Pilze beispielsweise zerkleinert oder auf einem
Stein gemahlen werden. (Rosenbohm, 1991:78f)
Während des Rituals gibt es gewöhnlich ein oder zwei Menschen, die keine
Pilze essen und für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Sie werden vor der
velada über die Regeln informiert. (Wasson, 1980: 34)
Vor Beginn der velada werden die Dinge, die christlichen und
indigenen Heiligen geopfert werden sollen, am Ritualort auf einem Tuch oder
einem Altar bereitgelegt (Rosenbohm, 1991:79f). Wasson (Heim und Wasson,
1958: 57-61) berichtet von Copal (einem Räucherharz), Kakaobohnen,
Maiskörnern, San-Pedro-Tabak, Hühnereiern, Truthahneiern, Papageienfedern
und geweihten Kerzen. Die Räume werden auch mit Blumen geschmückt. (Estrada,
1996: 40) Ebenso sind Heiligenbilder und Kruzifixe anzutreffen. (Rosenbohm,
1991: 72)
Die zu opfernden Gegenstände und sonstigen Dinge zum Herrichten des
Ritualortes sind sowohl Elemente aus vorchristlicher als auch aus
christlicher Tradition. (Rosenbohm, 1991: 80)
Vor Beginn der velada wird den Teilnehmern ein Getränk - Kakao oder Kaffee
-gereicht (Hofmann, 1987:50).
Zum Schutz vor bösen Einflüssen reibt der Schamane den Teilnehmern die Arme
und den Bauch mit einem Gemisch aus Tabak und Kalk, manchmal gibt es auch
Zusätze von Knoblauch, ein. Dieses Gemisch wird piciete oder
San-Pedro-Tabak genannt. (Estrada, 1996: 75) Nach Maria Sabina geht der
Ausdruck San-Pedro auf den Heiligen Petrus zurück, der ihn
erschaffen habe. (Estrada, 1996: 50)
Ein Pilzritual wird nur in der Nacht abgehalten.
Der Name velada weist auf diesen Umstand hin. Das spanische Wort
velada heißt übersetzt Abendveranstaltung oder
Abendgesellschaft. (Langenscheidt Spanisch, 1990) Es findet sich auch
die Übersetzung Nachtwache. (Hofmann, 1987: 49) Die veladas
finden in Häusern statt. Oft im Haus des Schamanen, der häufig etwas abseits
von Siedlungen lebt (Estrada, 1996). Der im folgenden beschriebene Ablauf
bildet das wesentliche Gerüst einer velada. Die veladas gleichen sich
hauptsächlich in den Äußerlichkeiten, nicht in den Visionen. (Rosenbohm,
1991: 72) Die Darstellung entstammt einem Bericht von Hofmann (1987:50).
Hier finden sich die wesentlichsten Elemente einer velada. Kleinere
Abweichungen davon konnte ich beim Vergleich der mir vorliegenden Quellen
häufiger feststellen.
Nachdem die Teilnehmer wie oben beschrieben Getränke erhalten haben und mit
San-Pedro-Tabak eingerieben wurden, setzen sie sich auf Bastmatten oder auf
bereitgestellte Stühle (Breier, 1996). Die Türen werden außer einem
Notausgang verschlossen, und nur eine Kerze beleuchtet den Raum. Der
Schamane leitet nun das Ritual ein. Er wirft hin und wieder etwas Copal in
ein zuvor entzündetes Kohlebecken und beräuchert so den Ort des Geschehens.
Das Copal dient offenbar der Reinigung bzw. Weihung des Ortes. (Rosenbohm,
1991: 76) Vor den Bildern von Heiligen bzw. vor einem Kruzifix spricht der
Schamane Gebete oder singt Lieder.
Nun werden die Pilze ebenfalls in den Copalrauch gehalten, besprochen und
anschließend zu Paaren geordnet. Der Schamane entscheidet , wer die Pilze
bekommt und wie viele. Er selber nimmt von den Anwesenden die höchste Dosis
ein. Die Pilze werden gegessen, das Licht gelöscht und die Anwesenden warten
auf die Wirkung der Pilze. Ist diese spürbar, wird wieder Licht entzündet.
Falls der Schamane noch nicht über das Anliegen informiert wurde, fragt er
nun danach. Veladas können für eine einzelne Person gehalten werden (vgl.
Estrada 1996: 49) oder auch für mehrere Personen. In einem solchen Fall
rücken die Anwesenden nacheinander in den Mittelpunkt des Geschehens und
werden gemäß ihres Anliegens behandelt.(Breier, 1996)
Im Verlauf einer velada wird zunehmend dramatischer gesungen und gebetet,
begleitet von Händeklatschen oder Schenkelklopfen. Der Schamane versucht,
die ihm gestellte Aufgabe in Trance zu lösen. Das Ergebnis wird daraufhin
bekannt gegeben. Es werden gegebenenfalls Ratschläge oder Hinweise gegeben
oder es wird eine Behandlung eingeleitet. Eventuell wird ein kranker
Teilnehmer als Teil der Heilbehandlung zum Erbrechen gebracht, indem der
Magen massiert und San-Pedro-Tabak verabreicht wird.
Nachdem alle Anliegen, die man an den Schamanen richtete entsprechend
behandelt wurden, endet das Ritual. Die Teilnehmer dürfen den Ritualort aber
erst bei Morgengrauen verlassen.
Im Anschluß an diese allgemeine Darstellung des
mazatekischen Pilzrituals möchte ich nun ein konkretes Beispiel anfügen. Es
handelt sich um eine velada, die Maria Sabina während einer Nacht für ihre
schwerkranke Schwester in deren Heim durchführt. Die Schwester verläßt in
dieser Situation nicht mehr das Bett, zittert am ganzen Leib und stöhnt:
"Die velada, bei der ich meine Schwester,
María Anna, heilte, gestaltete ich so, wie es die alten Mazateken taten. Ich
verwendete Kerzen aus purem Wachs und Blumen, Lilien und Gladiolen, man kann
aber auch alle anderen Blumenarten verwenden, sie müssen nur Farbe und Duft
tragen, außerdem benutzte ich Copalharz und San Pedro. In einem
Kohlebecken brannte ich das Copalharz ab und in den Rauch steckte ich meine
Hände, in denen ich die niños santos hielt. Bevor ich sie aß, sprach
ich zu ihnen und bat sie um ihre Gunst. Ich bat sie darum, uns zu segnen;
ich bat sie darum, uns den Weg zu zeigen; die Wahrheit, die Heilung, ich bat
sie darum, uns die Kraft zu geben, dem Übel nachzuspüren, ihm ein Ende zu
bereiten. Ich sagte zu den Pilzen: ‘Ich werde eurer Blut trinken, euer Herz
werde ich zu mir nehmen, denn mein Gewissen ist rein und sauber wie das
eure. Laßt mich die Wahrheit schauen. [...]‘ Sobald ich mich schwindelig
fühlte, löschte ich die Kerzen. Die Dunkelheit hilft einem dabei, auf den
Grund der Dinge zu sehen." (Estrada, 1996: 40)
Maria Sabina gibt an, während dieses Rituals etwa
dreißig Paar derrumbes gegessen zu haben. Ihrer Schwester hat sie nur
drei Paar gegeben und Gott gebeten, ihr zu helfen.
Von der Behandlung berichtet sie:
" Ich ging näher an die Kranke heran. Die niños
santos führten meine Hände zu ihrem Leib, und ich preßte ihre Lenden.
Ganz sanft massierte ich sie dort, wo nach ihren Aussagen die Schmerzen
saßen. Ich sprach und sang. Ich fühlte, daß mein Gesang schön war. Was die
niños mir sagten gab ich weiter. Ich fuhr fort, den Leib und die
Lenden meiner Schwester zu drücken und zu pressen, und plötzlich trat eine
starke Blutung ein. Wasser und Blut traten aus, so als würde sie gebären.
Ich hatte keine Angst, denn ich wußte, daß ‚der Kleine, der aus dem Boden
sprießt‘ sie durch mich heilte. Die niños santos gaben mir
Ratschläge, und ich führte sie aus. Ich versorgte meine Schwester, bis die
Blutung nachließ. Dann hörte sie auf zu stöhnen und schlief ein. Meine
Mutter setzte sich zu ihr und paßte auf sie auf." (Estrada, 1996: 39)
Die Schwester wird darauf wieder vollkommen gesund.
Maria Sabina kann nach dem Ritual nicht schlafen und hat daraufhin noch
mehrere eindrückliche Visionen von den Grundexistenzen, die sie nun
voll ins Schamanenamt initiieren, vom Chicon Nindo, den sie
mit ihrer Sprache der Weisheit rufen kann, und einem Pflanzengeist,
der durch ein Loch in der Wand kommt.
Vom nächsten Morgen berichtet sie:
" Es war am Morgen. Ich tastete meinen Körper ab
und den Boden um mich herum. Ich mußte mich überzeugen, daß ich in die
menschliche Welt zurückgekommen war. Jetzt war ich nicht mehr in der Nähe
der Grundexistenzen." (Estrada, 1996: 41f)
Sie stellt außerdem fest, daß Teile ihrer Hütte zerstört waren und vermutet,
daß sie es selber unter dem Einfluß der Pilze getan hat. (Estrada, 1996: 39-
42)
Aus den vorliegenden Quellen ist mir keine
festgelegte, das Ritual abschließende Nachbereitung einer velada bei
den Mazateken bekannt. Es kann nach dem Ritual dazu kommen, daß der Schamane
mit einem der Teilnehmer spricht und auf diese Weise noch einmal die
Ereignisse während des Rituals zur Sprache kommen. Maria Sabina, die einen
Mann in einem Ritual heilt, der sich ein Schienbein verletzt hat und
daraufhin unter Schmerzen leidet, die sich nicht bessern wollen, spricht
nach dem Ritual zu ihm:
"Ich sprach noch einmal mit ihm: ‘Die niños santos
haben mir offenbart, daß eine Zauberin deinen Geist in einen Jaguar
verwandelt hat. Während der Nacht, wenn du schläfst, geht dein suerte
hinaus, um die Stiere von Ojitlán anzugreifen. Hab keine Angst mehr, die
Pilze haben dich gesund gemacht. Du hast erbrochen." (Estrada, 1996: 51)
Es handelt sich in solchen Fällen wohl um eine, wie ich meine, spontane
Zuwendung des Schamanen zu einem "Patienten", bzw. Teilnehmer, um in einer
Atmosphäre fürsorglicher Zuwendung das Ergebnis des Rituals zu bestätigen
und um vielleicht dafür Sorge zu tragen, daß nach dem Abschluß des Rituals
gegebenenfalls die richtigen Konsequenzen ergriffen werden.
Mitteleuropa
Rituale, die im Zusammenhang mit psilocybinhaltigen
Pilzen stehen, werden nach meinem Kenntnisstand erstmals von Adrian Linder
berichtet. Ich möchte hier seinen Bericht wiedergeben, da er schon viele
Elemente enthält, die später Christian Rätsch beobachtet (Rätsch, 1995a).
Linder schreibt:
"Dagegen konnte ich vom 21.-23.12. 1979 an einer
Sonnenwendzeremonie im Kanton Bern teilnehmen, bei denen kleine Pilze, die
ich als Psilocybe semilanceata identifizierte [...], im Rahmen eines
seit etwa sieben Jahren bestehenden Kults mit komplizierten
Schwitzbadritualen, Gebeten, Pfeifenzeremonien (ohne psychoaktive
Substanzen), Fastengeboten, Räucherungen, Opferhandlungen und Musik in einem
speziell hergerichteten Raum mit zentralem Altar verwendet wurden. Alle
Anwesenden (5 Frauen und 6 Männer) hatten vier Tage vor und nach der
Zeremonie jegliche Drogen inklusive Alkohol, sexuelle Kontakte,
Fleischnahrung und ‚schlechte Gedanken‘ strikt zu meiden und während des
Treffens selbst strenges Fasten einzuhalten, aber nur zwei Männer aßen am
zweiten Abend nach vorangegangenen Reinigungsritualen je 20 Pilze. Diese
Verwendung hatte für die Gruppe offenbar eine Orakelfunktion. Sie wurde
durch intensives stundenlanges Trommeln aller Teilnehmer unterstützt. Die
Pilze werden auf einheimischen Wiesen unter Einhaltung von Meidungstabus
gesammelt, mit Salbeirauch rituell gereinigt, getrocknet, und in ebenfalls
rituell gereinigten Gefäßen aufbewahrt. Sie gelten als ‚Geschenke Gottes‘
bzw. ‚der Natur‘ und werden nur in beschränkter Zahl gepflückt, wobei man
jeweils die größten Exemplare einer Gruppe als ‚Oberhäupter‘ stehen läßt,
ihnen dankt und Mehl und andere Opfergaben vor sie hinlegt. Das Singen von
an sie gerichteten Liedern soll die im Gras verborgenen Pilze veranlassen,
sich zu zeigen.
Für die Gruppe, deren Ideologie von einem weitgespannten ‚heidnisch‘-christlich-buddhistisch-hinduistischen
Synkretismus geprägt ist, und die in vielem an die von Elwood [...]
beschriebenen neopagan religious groups erinnert, scheint der Pilz
nicht unter die Kategorie "Drogen" zu fallen, sondern soll einen Bestandteil
‚der ursprünglichen Religion‘ gebildet haben. Er hat einen keineswegs
zentralen Stellenwert im Kontext einer gesamthaften Erneuerung des ‚alten
Wissens‘ und wird so im Rahmen einer an sich deutlich gegen Drogengenuß
gewandten Ideologie legitimiert.
Die Überzeugung von der kulturhistorischen Verwurzelung des rituellen
Gebrauchs einheimischer Pilze ist weit über die erwähnte Gruppe hinaus
verbreitet." (Linder, 1981:1277f)
Christian Rätsch, der momentan zum Thema
europäische "Pilzrituale" der wichtigste Forscher ist, konnte ebenfalls an
Pilzritualen teilnehmen:
"Ich hatte in den letzten zehn Jahren mehrfach die
Gelegenheit an derartigen Ritualen teilzunehmen, sie kulturanthropologisch
zu beleuchten und mit traditionellen psychedelischen Ritualen anderer
Kulturen oder Völker zu vergleichen. Ich konnte auch viele Menschen zu ihren
Pilzerfahrungen bei derartigen Ritualen und zu ihren Vorstellungen über die
Natur der Pilze befragen. Aus verständlichen Gründen kann ich keine Angaben
über Orte, Zeiten und Einzelpersonen machen. (Rätsch, 1995a: 300)
A. Darstellung der Ritualteilnehmer und Ihrer Vorstellungen und
Erwartungen in Bezug auf das Ritual und die Pilzwirkung
Anders als noch in den sechziger und siebziger
Jahren ist der Gebrauch halluzinogener Substanzen in den neunziger Jahren
nicht mehr mit einem Protestverhalten Jugendlicher assoziiert. Der Gebrauch
ist in allen Generationen anzutreffen. (Rätsch, 1995a: 304) Die Pilzrituale
werden sowohl von Männern als auch von Frauen besucht; das Verhältnis
zwischen den Geschlechtern ist ausgeglichen. (Linder, 1981:1277f; Rätsch,
1995a: 312).
Rätsch gibt an, daß die Ritualteilnehmer
überwiegend aus gebildeteren Schichten mit akademischen Abschluß stammen,
außerdem finden sich viele aus kreativen Berufen oder sind in den
Medienberufen tätig, selten aber Handwerker, Hausfrauen und Fabrikarbeiter.
Viele stammen aus der 68er Generation.
Rätsch beschreibt die Altersspannbreite von 18 bis 80 Jahren und gibt den
Durchschnitt mit 30 Jahren an. Die Teilnehmerzahl gibt Rätsch mit 9 bis 20
Personen an, wobei er 12 Personen als Durchschnitt bezeichnet. Die meisten
dieser Personen haben gemäß seinen Beobachtungen schon psychedelische
Erfahrungen. Wer sich von den Pilzen angezogen fühlt, der nimmt teil.
(Rätsch, 1995a: 312)
Die von ihm beobachteten Rituale werden von einem Leiter geführt. Die
Position des Leiters wird dabei von Männern und Frauen eingenommen. (Rätsch,
1995a: 311f) Rätsch macht hier allerdings keine Angaben, wie jemand in die
Position des Ritualleiters gelangt ist. Er erscheint als derjenige, der für
einen reibungslosen Ablauf des Rituals zuständig ist. Außerdem bestimmt er
Ort und Zeitpunkt des Rituals. (Rätsch, 1995a: 311) Bei Linder finden sich
überhaupt keine Angaben zum Alter und zur sozialen Schichtung der Teilnehmer
und darüber, wie das Ritual geleitet wird.
Wie bereits Linder (1981) anführt, scheinen bei den
Pilzritualen Vorstellungen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten eine
Rolle zu spielen. Linder stellt, durch Rätsch (1995a) weitgehend bestätigt,
die "Ideologie" eines "weitgespannten ‚heidnisch‘-christlich-buddhistisch-hinduistischen
Synkretismus" fest. Diese Feststellung möchte ich durch die folgenden
Aussagen ergänzen, welche Vorstellungen und Erwartungen an das Pilzritual
offenbar werden lassen. Die Aussagen stammen von Personen, die Christian
Rätsch befragt hat:
"- Die Pilze sind außerirdische Wesen, die auf die
Erde gekommen sind, um mit dem Menschen eine symbiotische Co-Evolution
einzugehen
- Die Pilze sind Geschenke der Götter, bzw. der Erdgöttin Gaia und dienen
dem Menschen, ein ökologisches und schamanisches Bewußtsein zu erlangen
- Die Pilze sind ein Geschenk der Natur und verbinden den Menschen mit der
inneren und äußeren Natur
- Die Pilze sind intelligente Wesen, die unser Gehirn benötigen, um sich
ihrer selbst bewußt zu werden [...]
- Die Pilze sind Tore zur Anderswelt oder zum Wunderland; sie offenbaren die
wahre Wirklichkeit
- Die Pilze sind Heilmittel, die nicht nur Krankheiten und Symptome heilen
können, sondern den gesunden Menschenverstand heiler werden lassen [...]
- Die Pilze erweitern die Wirklichkeit, fördern die Spiritualität und
vertiefen das Naturverständnis
- Der Pilz ist der Baum der Erkenntnis; jeder der davon nascht erkennt das
Göttliche
- Die Pilze sind Lehrmeister oder Pflanzenlehrer, die vertiefte Erkenntnisse
über den Menschen im Universum vermitteln [...] (Rätsch, 1995a:309)
Ähnliche Überzeugungen findet Rätsch ebenfalls bei
Terence Mckenna. (Rätsch 1995a:309)
Besonders die Vorstellung des Pflanzenlehrers als
eines Wesens, das der Pflanze innewohnt, scheint im modernen Pilzgebrauch
verbreitet zu sein. Im übrigen ist dies eine Anschauung, die sich in
verschiedenen Kulturen findet, die mit psychoaktiven Pflanzen arbeiten.
(Rätsch, 1995a:319) Rätsch stellt fest, daß die Vorstellungen der
"Pilzesser" stark an die indianischen und/oder schamanischen Anschauungen
erinnern. (Rätsch, 1995a: 309)
Außerdem führt er aus, daß der Pflanzenlehrer der Kultur entsprechend in
unterschiedlicher Gestalt erscheine, den Indianern beispielsweise als Jaguar
oder als Schlange, den Deutschen als Gartenzwerg (!) oder den Engländern als
Fee oder Elf. Seine Botschaften würden ernst genommen, und als weibliche,
männliche oder androgyne Gottheit verehrt.
Rätsch betrachtet den gegenwärtigen Pilzkult als
Rückkehr zum Heidentum. Vollmondnächte, die für die Pilzwirkung als
besonders förderlich angesehen werden und alte heidnische Feste werden
bevorzugt. Die alten heidnischen Feiertage würden die Pilzerfahrung mit dem
morphogenetischen Feld der alten Kulte erfüllen. (Rätsch, 1995a:311)
Es wird ein "Pantheon der Pilzgötter" verehrt. Diese treten als Schenker der
Pilze auf und offenbaren sich nach der Einnahme der Pilze. Sie weisen den
Pilzessern den "rechten Weg durchs Leben".(Rätsch, 1995a: 319) Auch Linder
stellt fest, daß die Pilze das Geschenk eines Gottes seien und ebenso der
Natur (1981: 1277f).
Nach dem Verständnis der Ritualteilnehmer handelt
es sich um alte bzw. wiederbelebte europäische Pilzrituale (Rätsch, 1995a:
309; Linder 1981:1277f). Rätsch (1995a: 308) berichtet außerdem, daß die
Verwandtschaft mit indianischen Ritualen von den Teilnehmern gesehen werde.
Zu den wichtigsten von Rätsch genannten Gottheiten
gehören der Bienengott von Tassili (Algerien), der mexikanische Gott
der Extase Xochipilli, der germanische Gott der Ekstase und
Erkenntnis Wotan/Odin, der berauschte Weingott Dionysos, der
"Kiffergott" Shiva und vor allem die Große Göttin in all ihren
Manifestationen (Rätsch, 1995a:319).
Die Pilzrituale würden nicht als
psychotherapeutische Handlungen in dem Sinne gesehen, daß es um die
Bewältigung individueller bzw. persönlicher Probleme gehe. Vielmehr stehe
das Erreichen der transpersonalen Ebene im Vordergrund, bei der es um
Erfahrungen gehh, die über das Persönliche hinausreichten (Rätsch,
1995a:312).
Zusammenfassend bemerkt Rätsch:
"Bei den bepilzten Ritualteilnehmern manifestiert
sich folgende Anschauung: Der Pilz schenkt den Menschen die universelle
Liebe – zu sich selbst und anderen Menschen, zu den Pflanzen und Tieren, zur
Erde und der Galaxis, zu den Göttern und Göttinnen, aber vor allem zu den
Pilzen." (Rätsch, 1995a :320)
Sowohl nach Rätsch (1995a :309) als auch nach
Linder (1981:1277f) werden die Pilze in den Anschauungen der Konsumenten
nicht als Drogen betrachtet.
B. Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Rituals
Termin und Ort der Pilzrituale
werden wegen der rechtlichen Situation nicht öffentlich bekannt gegeben
sondern von Mund zu Mund verbreitet (Rätsch 1995a: 311f). Sowohl Linder
(1981) als auch Rätsch (1995a) berichten von eingehenden Vorbereitungen auf
das Pilzritual. Linder spricht von einem Meidungsgebot, das sich auf Drogen
und Alkohol, sexuelle Kontakte und schlechte Gedanken 4 Tage vor und nach
dem Ritual bezieht. Er weiß weiter von einem speziell hergerichteten Raum,
in dem das Ritual stattfindet. Die Pilze selber werden nur in beschränkter
Zahl gepflückt, mit Salbeirauch rituell gereinigt und in einem ebenfalls
rituell gereinigten Gefäß aufbewahrt. Die Oberhäupter werden stehengelassen,
und man spendet ihnen Mehl und andere Opfergaben. Die Pilze werden durch
Singen veranlaßt, sich zu zeigen. (Linder, 1981: 1277f)
Nach Christian Rätsch (Rätsch, 1995a) folgen die
Pilzrituale, an denen er teilnahm, alle einem gemeinsamen Grundmuster.
Kleine Varianten hingen mit den individuellen Besonderheiten der
Ritualleiter zusammen. (Rätsch, 1995a:311) Ansonsten stellt er fest:
"Die modernen Ritualstrukturen zum entheogenen
Pilzgebrauch orientieren sich an den traditionellen indianischen Formen, so
der mazatekischen velada und dem Peyote Meeting der
nordamerikanischen Indianer. [...] Es sind Kreisrituale, die manchmal ‚Ceremonial
Circle‘ oder ‚Heilkreis‘, auch ‚Pilzkreis‘ genannt werden. Der Einsatz von
Kreisritualen ist nicht auf den sakramentalen Gebrauch von Pilzen oder
anderen psychoaktiven Stoffen beschränkt, er hat sich in der eher
heidnischen Gegenkultur etabliert." (Rätsch, 1995a: 308)
Christian Rätsch beschreibt die Rituale mit Hilfe
eines Grundmusters, das er bei einer "kulturvergleichenden Untersuchung zur
Struktur psychedelischer Erkenntnisrituale" (Rätsch, 1995a: 310) entdeckt
hat. Er schreibt dazu:
"Die entheogenen Pilzrituale, an denen ich
teilnehmen konnte, erfüllen dieses Modell bis in alle Einzelheiten."
(Rätsch, 1995a: 311)
Das Modell (1995a: 310) soll weder
kommentiert noch analysiert werden. Es diene als Information zur Darstellung
gegenwärtiger europäischer Pilzrituale:
Phase Innerer Prozeß Äußere Handlung
|
Vorbereitung (Alltagsbewußtsein) |
Reinigung
Fragestellung
|
Sexuelle
Enthaltsamkeit
Fasten
Waschen/Erbrechen/
Klistiere
Kleidungswechsel
Besinnung/Kontemplation
Meditation |
|
Durchführung |
Schaffung des heiligen Raumes |
Räucherung
Opfer
Musik/Gebet/Beschwörungen
Droge/psychoaktive Technik |
|
(VWB)
Verändertes Wachbewußtsein |
Vision
Erkenntnis |
Gebrauch
von Ritualobjekten |
|
Nachbereitung (Alltagsbewußtsein) |
Antworten finden
Probleme lösen |
Visionen
kommunizieren
(Erzählen, Singen, Malen, Bücher schreiben usw.) |
Wie bereits erwähnt werden besonders Vollmondnächte
und alte heidnische Feiertage, wie beispielsweise die Sonnenwende,
Halloween oder das österliche Frühlingsfest als Ritualzeiten
bevorzugt. Aber auch persönliche Feiern, wie etwa die Hochzeit werden mit
einem Pilzritual verbunden. Die Treffen finden wegen der Berufstätigkeit der
meisten Teilnehmer am Wochenende statt. Sie gehen dann entweder von Freitag
abend oder Samstag morgen bis Sonntag mittag. Ebenso wie die Zeiten werden
die Orte sorgfältig ausgewählt: besondere Seminarhäuser, alte Kultplätze
oder Kraftplätze. Bei gutem Wetter findet das Ritual im Freien oder in Tipis
statt, da seine Kreisform für ein Kreisritual ideal sei und die zum Himmel
zusammenlaufenden Zeltstangen ‚das kollektive Zusammenfließen der bepilzten
Bewußtseine‘ andeute. (Rätsch, 1995a: 311)
Der Ritualraum wird mit besonderen Dingen
geschmückt: Blumen, Kerzen, Bilder. In der Mitte wird ein Altar errichtet
und mit persönlichen Ritualgeräten gedeckt. Diese dienen wie diejenigen, die
andere Teilnehmer für sich in den Kreis mitbringen, als persönliche
Kraftobjekte. Sie stammen aus unterschiedlichen Kulturen. Der Ritualraum
wird vor Beginn des Rituals ausgeräuchert, um negative Schwingungen zu
bannen und die erwünschten Pilzgötter– und göttinnen herbeizuholen. Als
häufigstes Räucherwerk findet sich Sage (Artemisia ludoviciana,
Artemisia scopulorum), eine wichtige Räucherpflanze der nordamerikanischen
Indianer. Daneben kommen ersatzweise auch Salbei (Salvia officinalis)
oder neuerdings verstärkt einheimischer Beifuß (Artemisia vulgaris)
zum Einsatz. Harze und anderes Räucherwerk werden fast nie verwendet.
Räuchergefäß ist in den meisten Fällen die Schale eines großen Meerohres (Haliotis
sp.); weniger dagegen tibetische Räucherschalen. Geräuchert wird während
aller Ritualphasen. Ebenso kommen Duftstoffe nach den Prinzipien der
Aromatherapie zur Anwendung. (Rätsch, 1995a: 312)
Ein sehr wichtiges Element bei den Ritualen ist die
Musik als strukturierendes Element der visionären Erfahrung. Es kommen
vorwiegend CD-Player und CDs mit starker Rhythmusbetonung zum Einsatz
und/oder mitgebrachte Trommeln und Rasseln. Selten oder überhaupt nicht
kommen klassische Musik, Heavy Metal oder die computergenerierte New Age
Musik zum Einsatz. (Rätsch, 1995a: 314)
Das wichtigste Ritualgerät ist der aus dem
nordamerikanischen Peyotekult stammende talking stick (der Sprechende
Stab). Dieser wird vom Ritualleiter mitgebracht. Jeder Leiter besitzt einen
eigenen, gegebenenfalls individuell gestalteten Stab, den er gefunden oder
selbst hergestellt hat. Nach Rätsch wird neben dem talking stick als
Phallussymbol häufig die Rassel als Symbol der fruchtbaren
Gebärmutter benutzt. Im Verlauf des Rituals wird der talking stick
mehrfach herumgereicht. Derjenige, der ihn hält, soll sich der Gruppe
mitteilen, alle anderen müssen ihm ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.
(Rätsch, 1995a: 314)
Sind die genannten und üblichen Paraphernalia
für das Ritual bereitgestellt beginnt eine Phase des Kennenlernens und
der Einstimmung auf das Ritual entweder am Freitag abend oder am Samstag
morgen. Am Freitag abend finden meistens eine Schwitzhütte oder in Anlehnung
daran ein Schwitzbad oder Saunagänge statt. Außerdem wird je nach
Ritualleiter eine sexuelle Abstinenz in der Nacht vor der Pilzeinnahme
gefordert. Dies diene dann der Erhaltung und Kanalisation von Energie für
das Ritual. Ansonsten laufen Freitag abend und Samstag morgen ähnlich ab:
Begrüßung und Kennenlernen der Teilnehmer im Kreis, Sage-Räucherungen
zu Reinigungszwecken und um die Welt der Geister zu öffnen. Weiterhin wird
der talking stick herumgereicht, seine Bedeutung wird erklärt wie
auch der Ablauf des bevorstehenden Rituals und die Kräfte der Pilze mit
ihrer Geschichte.
Am Samstag morgen wird nach dem Frühstück gefastet. Nur sehr selten werden
abführende bzw. brechreizerregende Mittel eingesetzt. Die nun beginnende
Phase dient der Findung der persönlichen Fragestellung der einzelnen
Teilnehmer. Dazu werden verschiedene Methoden angewandt. Am häufigsten wird
ein sogenannter medicine walk durchgeführt. Gelegendlich finden aber
auch Phantasiereisen oder geleiteten Meditationen statt. Der medicine
walk findet am Samstag nachmittag statt. Die Gruppe begibt sich hierzu
in die Natur zu einem Kraftplatz, an dem der Ritualleiter im Kreis die
Teilnehmer auffordert, sich nach einer Phase des Schweigens von diesem Platz
zu entfernen und intuitiv und unter Vermeidung eines Kontaktes mit anderen
Teilnehmern den persönlichen Kraftplatz zu suchen. Dort sollen sie
sich für eine Stunde niederlassen und sich auf diesen Platz konzentrieren.
Danach kehren alle wieder schweigend in den Kreis zurück. Auf ihrem Weg
sollten die Teilnehmer einen oder mehrere natürliche, ihre Aufmerksamkeit
erregende Objekte sammeln und mitbringen. Wieder im Kreis erklärt jeder sein
Objekt, um sich der eigenen Fragestellung bewußt zu werden. Manchmal soll
die nun bewußt gewordene Fragestellung geheim gehalten, manchmal den anderen
offenbart werden. Die Objekte werden später im Ritualraum auf den Altar
gelegt.
Nach dem medicine walk können sich die Teilnehmer noch einmal
zurückziehen oder meditieren. Diese Phase vor dem eigentlichen Pilzritual
wird unterschiedlich genutzt. Manchmal gehen alle Teilnehmer noch einmal in
die Sauna. Vor Beginn des Rituals sollen sich alle waschen und festlich
kleiden. Neben selbst gefertigten Sachen und solchen mit psychedelischen
Bezügen werden Kleidung und Schmuck aus unterschiedlichen Kulturen
verwendet: orientalische Gewänder und indianische Ponchos, Peyotevögel,
Pilzamulette, und buddhistische Malas. Dazu parfümieren sich die Teilnehmer
häufig mit ätherischen Ölen und Essenzen. (Rätsch, 1995a: 314f)
Das Ritual, der sogenannte Pilzkreis, wird nach
Rätsch fast genau vier Stunden, meist von 20.00 Uhr bis Mitternacht,
durchgeführt. Anfang und Ende des Pilzrituals liegen im Ermessen des
Ritualleiters.
Das Ritual beginnt mit einigen Vereinbarungen unter den Teilnehmenden. Der
Kreis darf nur für Toilettengänge verlassen werden, wenn niemand den
talking stick in den Händen hält, niemand darf Kontakt zur Außenwelt
aufnehmen, sich oder andere verletzen, keine Informationen über Ort,
Zeitpunkt und Teilnehmer des Rituals weitergeben oder die Herkunft der Pilze
verraten. Der talking stick wird für die Einverständniserklärungen
herumgereicht, ohne die niemand teilnehmen darf, und anschließend wird im
Kreis Sage zur Reinigung der Teilnehmer geräuchert.
Nun werden die Pilze verteilt; entweder bestimmt der Leiter, der meistens
auch Pilze zu sich nimmt, die Menge für den Einzelnen oder jeder tut dies
für sich. In der Regel sind es etwa drei Gramm Trockenpilze pro Person der
Gattungen Psilocybe semilanceata oder Stropharia cubensis. Der
Leiter spricht Gebete, ruft heidnische Götter und Göttinnen, Krafttiere und
Ahnengeister oder erzählt einfach eine Pilzgeschichte- dies ist abhängig vom
Ritualleiter.
Jetzt sollen alle ruhig und mit Musikbegleitung auf die Pilzwirkung warten,
die nach ungefähr 20 min. einsetzt. Nach etwa einer Stunde, Rätsch bemerkt,
daß dies ungefähr der Länge einer CD entspreche, wird der talking stick
für etwa eine halbe Stunde herumgereicht, wegen der wohl starken Wirkung
wird aber entweder geschwiegen oder gesungen.
Anschließend werden wieder alle aufgefordert, sich mit Musikbegleitung für
ca. eine Stunde nach innen zu wenden, um dem Pilz zu begegnen und sich die
Visionen einzuprägen. (Rätsch, 1995a:316)
Nun beginnt nach Rätsch die wichtigste Phase, in
der der Stab erneut herumgereicht wird und die mittlerweile nicht mehr so
stark unter dem Einfluß der Pilzwirkstoffe stehenden Teilnehmer von ihren
Visionen berichten können. Die Runde dauert häufig eine oder gar eineinhalb
Stunden. Rätsch berichtet:
"Durch die ungeheure Konzentration der Gruppe auf
jeweils eine Person im Kreis kommt es oft zu dem Phänomen der shared
vision oder "geteilten Vision". Manche Teilnehmer erzählen sehr
anschaulich von ihren Erfahrungen. Durch die empathogene (Neben)-Wirkung der
Pilze können sich die anderen Teilnehmer so stark in die Vision
hineinversetzen, daß sie selbst daran teilhaben. Es werden meist
transpersonale Visionen berichtet. Manche Teilnehmer werden zu "Sprachrohren
der Pilze". Gelegentlich werden Prophezeihungen verkündet. Manche Teilnehmer
haben eine "Comic-Wahrnehmung"; ihre humorvollen Mitteilungen an den Kreis
sorgen oft für unglaubliche Lachekstasen. Manche Teilnehmer werden auch mit
ihrer Trauer oder mit inneren Schmerzen konfrontiert, über die sie dann
berichten. Durch die allgemeine Aufmerksamkeit können solche Personen ihre
Trauer und ihren Schmerz leichter annehmen. Mir wurde oft berichtet, daß
solche Erfahrungen als besonders heilsam oder befreiend erlebt wurden. Die
allgemeine Akzeptanz für Lust und Schmerz, für Trauer und Humor ist
erstaunlich hoch. [...] Die Teilnehmer erzählen fast immer, daß sie sich im
Kreis Gleichgesinnter geborgen und beschützt fühlen. Dadurch können sie viel
tiefer in die Erfahrung hineingehen. Der Kreis wird als der richtige Rahmen
für die Pilzerfahrung betrachtet. (Rätsch, 1995a:317)
Nach dieser Runde wird wieder Musik gespielt und
die Teilnehmer sollen ihre Aufmerksamkeit wieder von außen nach innen
verlagern. Der Ritualleiter erzählt manchmal eine Geschichte, meist eine
Mythe, wie Rätsch bemerkt.
Nun beginnt die Schlußrunde. Der talking stick wird herumgereicht und
die Teilnehmer bedanken sich in der Regel bei den Pilzen, den Göttern und
Göttinnen, bei dem Kreis, bzw. bei der Gruppe. Gelegentlich wird Wein oder
Bier gereicht, um wieder in die "Alltagswelt" zurückzufinden und der
Ritualleiter beendet den Kreis.
Die unmittelbare Zeit nach dem Ritual verbringen die Teilnehmer ganz
unterschiedlich: einige ziehen sich zurück, andere feiern oder es wird
zusammen ein Nachtmahl eingenommen. (Rätsch, 1995a:317)
Der Sonntag morgen beginnt mit dem gemeinsamen
Frühstück und anschließend bilden alle wieder einen Kreis im Ritualraum.
Sage wird geräuchert und der Ritualleiter weist auf die Bedeutung der
Nachbereitung als vielleicht wichtigsten Teil des Ritual hin. Mit der
Aufforderung, die Visionen ernst zu nehmen, da sie die "Richtlinien für die
Zukunft vorgäben" wird der talking stick erneut herumgereicht. Die
Teilnehmer erzählen von ihrer Erfahrung, werden sich dabei oft erst bewußt,
daß ihre Fragestellung beantwortet ist und was sie vom Pilz gelernt haben.
Diese Runde ist dabei emotional sehr aufgeladen. Der Ritualleiter gibt nun
noch ein paar Ratschläge, wie die Erfahrung beispielsweise durch Schreiben,
Malen oder durch meditatives Hören der während des Rituals gespielten Musik
in den Alltag integriert werden kann. Auch das Erzählen der Pilzerfahrung
ist wichtig. Abschließend kehrt der Ritualleiter noch einmal die Bedeutung
der Pilze heraus und erinnert die Teilnehmer an die oben geschilderten
Vereinbarungen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen trennt sich die Gruppe.
"Die sich oft zuvor fremden Menschen verlassen das
Ritual als Freunde. Mir ist bekannt geworden, daß sich aus solchen
Begegnungen oft dauerhafte Freundschaften und intensive Beziehungen ergeben
haben. Es scheint so, als wenn Menschen, die sich bei einem Pilzkreis
kennengelernt haben, sich für ewig miteinander verbunden fühlen. Praktisch
alle Teilnehmer gehen aus dem Ritual mit einer tiefen Dankbarkeit hervor.
Sie haben fast immer das Gefühl, in die Mysterien des entheogenen Pilzes
eingeweiht worden zu sein und ihre eigene Stellung im Kosmos erkannt zu
haben." (Rätsch, 1995a: 317f)
Am Schluß seien noch Bemerkungen zu anderen Quellen
gemacht, die über Pilzrituale in Mitteleuropa berichten. Von den wenigen
Berichten, die es überhaupt zu modernen europäischen Pilzritualen gibt,
finden sich in dem von Roger Liggenstorfer und Christian Rätsch
herausgegebenen Band zum Pilzgebrauch (1996) zwei weitere. In dem von Roger
Liggenstorfer gelieferten Erfahrungsbericht findet man viele bei Rätsch
geschilderten Elemente wieder; wesentlich Neues taucht hier nicht auf. Nur
der Ablauf des Rituals wird ein wenig anders geschildert, behält aber meiner
Meinung nach den von Rätsch geschilderten Charakter eines Pilzkreises.
Etwas anders dagegen kommt im Beitrag von René Strassmann zum
Ausdruck. Hier ist es nicht ein Ritual im Rahmen eines von Rätsch
geschilderten Pilzkreises. Im Mittelpunkt steht ein als Heiler bezeichneter
Mann. Er ist mit vielen bei Rätsch genannten Paraphernalien
ausgestattet und unternimmt mit Hilfe der Pilze und in Begleitung von
Strassmann eine Reise in die "Andere Wirklichkeit" , deren Ende die Heilung
eines Mädchens bewirkt. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf diesen
Bericht eingehen. Meiner Meinung deutet er zusammen mit den Berichten von
Rätsch und Linder an, wie breit möglicherweise das Spektrum ist, innerhalb
dessen psychotrope Pilze in einem rituellen Rahmen in Europa eingenommen
werden.
4.
Vergleich des Pilzgebrauchs beider Regionen
Die dargestellten ritualisierten Formen des
Gebrauchs psilocybinhaltiger Pilze in Mitteleuropa und Mexiko sollen nun
anhand einiger ausgewählter Merkmale die Basis für einen Vergleich beider
Regionen bilden. Auf diese Weise sollen die meiner Meinung nach wichtigsten
Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgestellt werden.
Ritualteilnehmer sind sowohl in Mexiko als auch in
Europa Männer und Frauen. In Mexiko sind die Teilnehmer größtenteils
Angehörige der ungebildeten, ärmeren Bevölkerungsteile, die noch einen
starken Bezug zur Tradition haben. Der Gebrauch schließt auch Angehörige
anderer Stämme ein. In Europa hingegen stammt der Großteil aus gebildeten
Schichten. In Mexiko ist auch die Teilnahme von Kindern bele |