Das Gesundheitswissen der AltenDr. Walter AndritzkyAsklepios - Ganzheitliche Kurmedizin der Antike (Teil 1)Hippokrates - Die Vertreibung der Geister (Teil 2)Eleusis: Initiatischer Drogenkult und abendländische Kultur (Teil 3)
Wiederentdeckung und Umwertung überlieferter Wissenssysteme im Lichte
moderner Wissenschaft führen immer wieder zu faszinierenden Einsichten
in die intuitive Intelligenz unserer Vorfahren. Nirgends wird dieses Erfahrungswissen
heute dringlicher benötigt als im Gesundheitswesen, dessen Effizienz
aufgrund von Überspezialisierung bei gleichzeitigem Verlust an menschlicher
Unterstützung mehr und mehr zu wünschen übrig lässt.
Während sich inzwischen viele an Esoterik und Alternativmedizin Interessierte mit den ostasiatischen Lehren von Yoga, Ayurveda, Tao und Tantra auskennen, gibt es erstaunlich wenig Berichte zu jenen Traditionen, die uns historisch und räumlich weit näher stehen. Besonders interessierte den Autor dabei die Frage, wie das Verhältnis von Körper und Geist, das alte Problem der "Psychosomatik" von diesen Kulturen gelöst und damit in der Praxis umgegangen wurde. Da diese Sichtweise jedoch nur vom Einzelnen ausgeht, sollte sie auch um die Frage erweitert werden, wie spirituelle Erfahrungen in die Organisation des Staatswesens einfliessen und die Geschichte bestimmen. Wenn wir daher auch die Rolle von religiösen Riten und initiatischen Kulten für das Gesundheits- und Staatswesen unserer hochkulturellen Vorfahren einbeziehen, so soll dies dem Leser auch eine gelassenere Einschätzung des aktuellen "Booms" der Psychogruppen und "neuen religiösen Bewegungen" mit Heilungsansprüchen ermöglichen als sie uns momentan von sensationsgierigen Medien vermittelt wird. Wir werden überraschende kulturelle Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten entdecken, die sich durch die ganze Medizingeschichte ziehen: Wie wurde Krankheit überhaupt definiert, welche Bezeichnungen gab es dafür? Was wusste man von der menschlichen Anatomie und Physiologie? Unterschied man zwischen körperlichen und geistigen Krankheiten, wie stellte man sich die 'Seele' vor? Gab es entsprechende Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Typen von Heilerspezialisten oder war ein Priesterschamane für alles zuständig? Würde solches Wissen für Probleme unseres heutigen Gesundheitswesens von praktischem Nutzen sein können? Letztere Frage beantwortet sich durch die seit dem 19 Jh. wachsende Bedeutung von Phänomenen des Geisterglaubens und Spiritismus, von Besessenheitskulten und Trancemusik, der modernen Okkult-Welle bei Jugendlichen (z.B. Gläser- und Tischrücken), dem Geistheilen, dem Vordringen afroamerikanischer Heilkulte, aber auch durch neue Krankheitsbilder wie die Multiple Persönlichkeitsstörung fast von selbst. Wie wir sehen werden, handelt es sich hierbei um kulturübergreifende, transkulturelle Erlebens- und Krankheitsbewältigungsweisen, deren Sinn die moderne Biomedizin ohne systematische Kulturvergleiche nicht zu erfassen vermag. Als Vorschau sei soviel verraten: eine Zweiteilung von Heilertypen in Ärzte (mit materiellen Substanzen, z.B. Pflanzen, Mineralien, Tierstoffen arbeitend) und Wahrsager/Geistheiler (vorwiegend mit Symbolen, Ritualen und Gebeten arbeitend) existiert seit Anbeginn der Medizingeschichte! Kam es in einer Epoche zu einem Überwiegen biologischer Vorstellungen, so wurde stets eine Art Gegenbewegung spiritueller Praktiken ausgelöst und umgekehrt: denken wir an den biologischen Materialismus Anfang des 19 Jh.: nachdem man das "Gehirn die Gedanken absondern" sah, "wie die Niere den Urin", traten Bewegungen wie Allain Kardec‘s Spiritismus, des Hypnotismus und des messmerischen Heilmagnetismus auf den Plan. Im 16. Jh. war es Paracelsus, der in Reaktion auf den scholastischen Rationalismus die antike Vier-Elemente- und Säftelehre ablehnte und ihr eine vitalistische Entsprechnungslehre, den Entwurf eines Mikro- und Makrokosmos umfassenden Relationssystems entgegenstellte.Wir begegnen dieser eigentümlichen Dynamik schon zu Beginn unserer Reise, - im alten Griechenland.
Was den chronisch Erkrankten heute Kurort und"Alternativmethoden" bedeuten, das war für den von den 'rationalen Medizin' des Hippokrates ausgesteuerten Griechen der Heilkult des Asklepios. Für seine Recherchen vor Ort besuchte der Autor Überreste von Tempel- und Badeanlagen, Gästehäusern, Theatern, Sporteinrichtungen und Gymnasien der Asklepieia in Epidauros und auf der Insel Kos. Für die Klienten der Asklepiosheiligtümer standen ihre Traumerfahrungen
in der Schlafhalle, dem Abaton (griech: das Unbetretbare) im Mittelpunkt.
Dort sollte ihnen im Traum durch eine Erscheinung des Asklepios Heilung
zuteil werden. Welche Klienten eher bei einem Hippokraten oder im Asklepieion
landeten, läßt sich mangels statistischer Daten aus dieser
Zeit natürlich nicht genau sagen. Literatur und archäologische
Zeugnisse aus den Asklepieia deuten aber darauf hin, daß dort Gelähmte,
Blinde, Stumme, Taube, Wassersüchtige, Frauen mit Kinderwunsch, Gichtbrüchige,
Neurotiker sowie Psychotiker anzutreffen waren, also ähnliche Patienten
wie beim "Wunderheiler" Jesus. Im Baden-Baden der Antike Schon aus den Überresten und Inschriften der wenigen, bislang ausgegrabenen
Asklepieia lässt sich ein lebendiges Bild des damaligen Kurbetriebes
gewinnen. Durch eine architektonische Dramaturgie wurden die Hilfesuchenden
auf das Kommende eingestimmt: Noch heute lässt sich bei einem Besuch
im 'Baden-Baden der Antike', den grosszügigen Anlagen im Asklepieion
von Kos leicht nachvollziehen, wie der Kranke im "Parterre"
der stufenartigen Anlage eintrat, sein Opfer vollzog, dann zu den Schlafsälen
auf der mittleren Plattform hinaufstieg und über sich stets Doch folgen wir unserem Kranken ein Stück weiter. Nach seiner Ankunft
unterzog er sich am Brunnen einer Reinigung, durchschritt ein Tor mit
einem Sinnspruch, sah Skulpturen mythischer Götterfiguren, von Weihe-
und Dankgaben Geheilter überquellende Tempel, und brachte das schon
erwähnte Opfer dar. Als weitere Zeichen für geglückte Heilungen
hingen zahllose Votive von Gliedmaßen, Füßen, Armen mit
Händen, Köpfe, Augen, innere Organen, Brüsten und Genitalien
an Schnüren. Sein anfänglicher Gemütszustand der Demoralisierung
(den die moderne Psychotherapieforschung als 'kleinsten gemeinsamen Nenner'
für die Klienten herausgefunden hat) , wich aufkeimender Hoffnung.
Weihreliefs zeigten ihm, wie Asklepios den Kranken berührt, ihm ein
Heiltrank gibt oder operiert. Auch über die vermutlich allenthalben
unter den Kranken kursierenden Geschichten von Traumerscheinungen und
Wunderheilungen wurde ein mentales Erwartungsmuster geschaffen, das die
vor ihm liegenden Traumerfahrungen mitbestimmte. Gegen Abend wurden die
Kranken nun in den Schlafsaal geleitet, wobei sie über die zu erwartenden
Kultur als Medizin Während der Kranke in einem (psychiatrischen) Krankenhaus von den Angeboten der "Kultur" heutzutage vollständig abgeschnitten ist und deren Angebote wie Theater, Sport, Literatur, Konzerte, religiöse Kulte etc. auch als nebensächlich für eine Heilung gelten, hielten es die alten Griechen genau umgekehrt damit: Die Asklepieia waren erstklassige Kulturzentren mit Sporteinrichtungen, Arenen, den besten Theatern des Landes, Bädern und Tempeln. Im Stadion von Epidauros fanden (ähnlich Olympia) z.B. alle vier Jahre die 'Asklepien' statt, sportliche und musische Wettkämpfe, welche Besucher aus ganz Griechenland anlockten. Wenn seit 1954 das als 'beste Freilichtbühne der Welt' geltende Amphitheater von Epidauros jährlich aufs neue tausende von Festivalbesuchern zu den Aufführungen der antiken Dramen anzieht, so erweist sich, was den Griechen die Anlage ihrer Asklepieia wert war: der gelegentlich auch ärmliche Kranke erfuhr hier in 'konzentrierter Form' die Essenz griechischer Hochkultur als Heilmittel. 'Ganzheitlichkeit' wurde also auch als Zur-Verfügungstellen der wertvollsten Elemente einer Kulturepoche verstanden, ein in unserem steril-kalten Krankenhauswesen ganz unbekannter Wirkfaktor. Nur in manchen europäischen Kurorten aus dem 19. Jh. mit ihren Wandel- und Trinkhallen, Kurtheatern, -bibliotheken und -konzerten, gepflegten Parks und Pavillons hat sich ein Nachklang dieser Errungenschaften der Antike erhalten. Leider lässt unsere Gesundheitspolitik, welche ihre Ausgaben nun auf High-Tech-Medizin konzentriert, die von der Todesangst lebt, diese weltweit einmaligen Heilorte -trotz inzwischen nachgewiesener Effizienz- eingehen oder 'medikalisiert' den vormals auch kulturorientierten Kuraufenthalt. Umso bemerkenswerter ist es daher, dass das Asklepieion von Epidauros, welches im 4. Jhd. vor Chr. seine Blütezeit hatte, nicht wie viele andere Heiligtümer im 2. nachchristlichen Jhd. einen Niedergang erlebte, sondern sich durch neue Bauwerke und Schenkungen ausdehnte. Erst 30 Jahre nach dem Einfall der Ostgoten unter Alarich, nachdem der heilige Bezirk nochmals mit einer neuen Mauer umgeben wurde, stellte der christliche Kaiser Theodosius II den Kult im Jahr 426 ein. Die Traumheilungen Gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. wurden auf sechs Marmortafeln des Asklepieions von Epidauros von Priestern 70 Heilungsberichte aufgezeichnet, die uns detaillierte Auskunft über die Geschehnisse in den 'Traumhäusern' geben. Man hat diese "Wunderstelen" auch treffend als Werkzeuge betrachtet, um den Glauben und die Hoffnung der Klienten zu stärken. Sie haben darin eine auffallende Ähnlichkeit mit den sog. Mirakelbüchern, die den Pilgern an süddeutschen Wallfahrtsorten im 18 Jh., nach Krankheiten sachlich geordnet, zum Kauf angeboten wurden. An 25 von 280 bayrischen Wallfahrtsorten fand der Wallfahrtsforscher Kriss solche Aufzeichnungen. Vom Hl. Rasso in Grafrath sind zwischen den Jahren 1444 und 1728 n. Chr. allein 12800 solcher Berichte aufgezeichnet worden, von St.Salvator bei Betbrunn von zwischen 1573 und 1754 n. Chr. über 7900. Was den Realitätsbezug der Wunderberichte von Epidauros angeht,
so sind die Diagnosen wie stumm, blind, lahm etc. auch nach antiken Begriffen
laienhaft. Die Heilung zeichnet sich in den meisten Fällen durch
Schnelligkeit aus: Ankunft im Heiligtum, Heilschlaf (Inkubation) und Traum,
geheilt Erwachen, Abreise. Zur Einschätzung der tatsächlichen
Erfolge ist kritisch zu berücksichtigen, daß Wer waren nun die Patienten und ihre Heilträume an diesen antiken
Kurorten? Die Berichte benennen z. B. folgende Störungen: Im nächsten Fall einer Mutter, die für ihre "wassersüchtige" Tochter nach Epidauros kam, zeigt der Bericht ein ganzes Set an Phänomenen, das für Geist- und Fernheilungen typisch ist. Auf einer Stele lesen wir: "Arate von Lakedonien, Wassersucht. Für diese schlief ihre Mutter, während sie selbst in Lakedaimon war, und sieht einen Traum: sie träumte, der Gott schneide ihrer Tochter den Kopf ab und hänge den Körper auf mit dem Hals nach unten; als viel Flüssigkeit ausgeflossen, habe er den Körper abgehängt und den Kopf wieder auf den Hals aufgesetzt. Nachdem sie diesen Traum gesehen, kehrte sie nach Lakedämon zurück und trifft ihre Tochter gesund; diese hatte denselben Traum gesehen." Bei einer weiteren 'Traumoperation' läßt sich eine typische Technik der Wundererzählung, nämlich die Verschränkung von Wach- und Traumwirklichkeit als Mittel zur Erhöhung der Glaubhaftigkeit, erkennen: "Ein Mann mit einem Geschwür innerhalb des Bauches. Dieser sah im Heilraum einen Traum: es träumte ihm, der Gott befehle den Gehilfen in seinem Gefolge ihn zu ergreifen und festzuhalten, um ihm den Bauch aufzuschneiden: da sei er geflohen, sie hätten ihn ergriffen und an einen Türring gebunden. Hierauf habe Asklepios den Bauch aufgeschlitzt, das Geschwür ausgeschnitten und ihn wieder zugenäht, und er sei aus den Fesseln gelöst worden; und daraufhin kam er gesund heraus, der Fußboden im Heilraum aber war voll mit Blut". Derart hochsuggestive -eventuell auch paraphysikalische- Phänomene werden vielfach angeführt: z.B. wurde einer Frau von Gehilfen des Asklepios im Traum der Kopf abgeschnitten, den sie aber nicht wieder aufsetzen konnten: "Inzwischen bricht der Tag herein und der Priester sieht im Wachen ihren Kopf vom Leib getrennt". Oder die Geheilten treten am Morgen mit Pfeil- und Lanzenspitzen aus dem Abaton, die ihnen der Gott im Traum aus dem Körper gezogen hatte. Vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens erscheint auch die Art, wie die Träume therapeutisch eingesetzt wurden, äusserst bemerkenswert: weder wurde im Sinne von Freud eine Traumdeutung betrieben noch nach Jung'schen Archetypen geforscht. Der Patient sollte auch keine Klarträume erlernen (d.h. sich des Träumens bewusst werden, um sich dann z.B. furchterregenden Gestalten zu stellen) oder auch nur lernen, seine Träume zu erinnern. Wie schon erwähnt, wurde vielmehr eine klare Suggestion vorgegeben (Asklepios erscheint und heilt etc.), wobei sich die konkrete Lösung allerdings aus dem Unbewussten des Klienten entwickelte. Diese etwas 'manipulative' Verwendung der Traumfunktion erinnert ein wenig an Hypnose, dennoch bleibt eine Symbolfigur oder auch ein 'Geistführer' der eigentliche Therapeut. Eine solche Technik harrt im modernen Therapiewesen offenbar noch ihrer Wiederentdeckung. Asklepios - ex oriente lux? Im 5. Jh. v. Chr. bestanden vielfältige Kontakte hinduistischer
und buddhistischer Gelehrter ins alte Der Mythos Wie der Anthropologe Claude Levi-Strauss, ein Begründer des modernen Strukturalismus, in vielen Büchern darlegte, wird die Deutung von Kult- und Alltagswirklichkeit erst verständlich, wenn wir die zugrundeliegenden Schöpfungsmythen und Legenden einer Gesellschaft kennen. Wer also war Asklepios? Im Gebiet von Epidauros wurde er als Sohn des Apollo von Koronis, einer Tochter des Epidaurers Phlegyas geboren. Seine Mutter setzte ihn im Gebirge aus, wo er von einem Hirten gefunden und in Gesellschaft des Hirtenhundes aufwuchs, genährt von einer Ziege. Das 'Ausgesetztsein' und Aufwachsen bei Tieren oder Fremden verbindet Asklepios mit zahlreichen anderen Kulturheroen wie Herkules, Perseus, Jason oder Ödipus. Schon damals erschien das Verwobensein des Kleinkindes in das personale Drama einer leiblichen Mutter für die Entwicklung ethisch verantwortlicher, der Gesellschaft dienender Menschen offenbar abträglich! Ob Amme oder 'Kindermädchen': eine neutrale, aber liebevolle Person schien wichtiger als das heute von einem 'Muttermythos' noch geförderte Umklammern der Kinder. Wie aus Studien zur Persönlichkeit von Ärzten bekannt ist, scheint andererseits ein früh im Leben erfahrenes 'Liebesdefizit' Hauptantrieb zu sein, später anderen 'helfen' zu wollen. Asklepios blieb da keine Ausnahme. Nach anderer Version rettete Apollo seinen Sohn vor dem Flammentod, nachdem er durch seine Heiltätigkeit und Versuche die Sterblichkeit abzuschaffen, mit dem Totengott Hades Ärger bekam.. Der Kentaur Chiron (Mischwesen aus Pferd und Mensch) lehrte ihn, mit Hilfe von Schlangen giftige von heilsamen Kräutern zu unterscheiden. Für Heilung war neben Asklepios in den Asklepieia ein ganzes Götterteam zuständig: die Göttinnen der Jagd (Artemis) und der Liebe (Aphrodite), der Gott des Schlafes Hypnos, Asklepios' Schwester Hgyieia, -Göttin der Gesundheit-, später auch ägyptische Gottheiten wie Isis, Ammon und Serapis. Der Kranke konnte daher für viele Aspekte seiner 'Problematik' Hilfe von den jeweiligen göttlichen Spezialisten erwarten: Die Tempel und riesigen Götterbilder erweisen, dass die Asklepieia nicht nur Krankeneinrichtungen, sonder ein religiöse Kulturzentren waren. Hippokrates - Die Vertreibung der Geister (Teil 2) Während im alten Persien, Mesopotamien und Ägypten empirische und magisch-religiöse Praktiken eng ineinander verwoben waren und auch die "Praktiker" mit Sprüchen, Riten und religiösen Erklärungssystemen arbeiteten, werden Hippokrates' Schriften, das Corpus Hippocraticum (von dem allerdings nicht bekannt ist, welche Teile von Hippokrates selbst stammen) von den Medizingeschichtlern einhellig als Beginn einer naturwissenschaftlichen, auf der Beobachtung von Ursachen und Wirkungen beruhenden Medizin herausgestellt. Von seiner Abstammung her steht der ca. 460 v. Chr in Kos geborene Hippokrates in der Tradition der schon von Homer erwähnten Asklepiaden und des dorischen Stammes der Herakliden. Die historische Rolle dieses Zeitgenossen der Philosophen Plato und Demokrit, welcher die Atomtheorie begründete, umreisst der Medizingeschichtler Völkel so: "Zu welchen falschen Ergebnissen die Naturbeobachtung der Griechen auch führt, entscheidend bleibt, daß die eigene Erfahrung und nicht mehr ein Götterglaube zum Maßstab der Medizin gemacht wird". Als Ursache und Wirkung werden in dieser bis heute fortwirkenden Medizinauffassung vor allem materielle Faktoren (Körpersäfte, Medikamente, Wetter) und ihre Effekte auf grob-sinnlich wahrnehmbare 'Symptome' verstanden; zeitlich länger auseinanderliegende Symptome, ihr Verschwinden, Wiederkehren etc. blieben naturgemäss unerkannt. Von Beginn an wird hier auch die Möglichkeit vernachlässigt, daß Götter und Geister von den damaligen Volksheilern eher metaphorisch und als heilerisch wirkungsvolle Placebos eingesetzt wurden und für sie deren 'reale Existenz' gar nicht entscheidend war. Eine kritische Distanz zu Religion, Normen und Werten, -was Soziologen auch als "Rollendistanz" bezeichnen- muß auch dem antiken Menschen zugestanden werden. Die endlosen Dispute philosophischer Schulen im alten Griechenland, die Komödien und Streitgespräche zeugen ohnehin davon, dass alles in Frage gestellt werden durfte, wenn auch manchmal nicht ohne Folgen wie wir von Sokrates wissen. Aus moderner, psychosomatischer Perspektive erscheint die hippokratische Lehre allerdings von Beginn an als unbefriedigend für Patienten, deren Befindlichkeitsstörungen aus ihrer Lebensgeschichte, aktuellem Stress oder aus Geburtstraumata resultieren.... Säftelehre und Chirurgie Bis in das 19 Jh. hinein war die Universitätsmedizin -nach der Neubelebung des über arabische Ärzte überlieferten antiken Wissens an italienischen Universitäten im 12/13 Jh.- von der Säftelehre bestimmt, welche bis heute zahllose Begriffe prägt (Erkältung, Fieber als Erhitzung). Im Buch über alte Heilkunst werden die damals gängigen 'Einheitslehren' -daß nämlich Luft, Wasser oder Erde nur ihre Gestalt änderten, um die anderen Elemente und Erscheinungsformen hervorzubringen- über die menschliche Natur abgelehnt und man ging davon aus, daß "eines nur das andere erzeugen könne, wenn es sich mit diesem mischt". Der Körper bestehe aus drei Stoffen, die sich in ihrer Temperatur voneinander unterschieden ("Wenn man Schleim, Galle und Blut anfaßt, so wird man finden, daß Schleim am kältesten ist"). Im vierten Band der Abhandlung über die Krankheiten werden als Körpersäfte Schleim, Blut, Galle und Wasser genannt. Während die schwarze Galle,- unklar bleibt, was damit gemeint war, eventuell eine schwarze Substanz, die bei Magengeschwüren erbrochen wird- hier als Ursache von Lähmungen, Krämpfen und Melancholie erscheint, gehört sie im Buch "Die Natur des Menschen" zu den natürlichen Körpersäften, von denen jeweils zwei Paare Träger des organischen Gleichgewichts von trocken/feucht und warm/kalt sind. Da diese vier Qualitäten den Organen, Elementen, Jahreszeiten, der Nahrung und -seit dem hellenistischen Arzt Galen- den noch heute geläufigen Charaktertypen (Sanguiniker, Melancholiker, Phlegmatiker, Choleriker) zugeschrieben werden, entsteht eine komplexe Medizintheorie, die heilerisches Handeln als eine Kunst des systematischen Inbeziehungssetzens von Eigenheiten des Menschen (Konstitutionstyp) und seines Lebensraum (Wetter, Jahreszeit, Region etc.) definiert. Das rechte Verhältnis der Säfte zueinander hing nicht zuletzt von den Jahreszeiten und der Lage einer Stadt ab. In Abhängigkeit davon wurden die Heilmittel so gewählt, das sie die Säfte vermehren oder verringern Obgleich die Vorstellung dämonischer Besessenheit den alten Griechen fremd war, bestand eine Ohnmacht gegenüber den psychischen Krankheitsphänomenen. Da man den Zusammenhang frühkindlicher Misshandlungen mit späteren Störungen (wie andere in grösserem zeitlichem Verzug auftretenden Symptome) noch nicht begreifen konnte, nahm man an, die Götter verführten den Menschen zum Wahnsinn. Plato unterschied vier psychische Störungen, die göttlichem Wirken zugeschrieben wurden: prophetischer Wahn steht unter dem Schutz von Apollo, der initiatische oder rituelle Wahnsinn unter dem des Dionysos, der dichterische unter dem der Musen und der erotische Wahn unter dem Schutz von Aphrodite und Eros. Über die Anatomie wußten die hippokratischen Ärzte (mit Ausnahme der Schädelöffnungen) wenig mehr als vom Tieropferkult her. Wenngleich es im hippokratischen Eid heisst, 'ich werde nicht das Messer gebrauchen, auch nicht bei Steinleiden, sondern dies den damit erfahrenen Spezialisten überlassen', deuten Funde von Skalpellen, Spezialmessern, Zangen, Scheren, Wundhaken, Pinzetten, Nadeln, Spatel, Knochensägen, Brenneisen und Schröpfköpfe nichtsdestoweniger auch auf eine chirurgische Praxis hin. Schon vor Hippokrates' Zeit besaßen etruskische Ärzte eine hochentwickelte Zahntechnik mit Ersatzzähnen und Brücken. Wie die Funde anatomischer Votive von Köpfen, Augen, Lippen, Ohren, Händen, Füßen, Genitalien und Brüsten aus dem etruskischen Orte Veji andeuten, hatte dort auch eine dem Asklepioskult ähnliche Einrichtung bestanden. Arztfiguren und Behandlungsszenen finden sich auch auf Grabreliefs und Vasenbildern. Bemerkenswert ist, daß die hippokratischen Ärzte einst die alljährliche Prozession des Asklepiosfestes in Kos anführten. Wie wir bereits sahen, bestand ursprünglich eine enge Verbindung zwischen materieller und kultisch-religiöser Medizinpraxis: Über 40 griechische Ärzte, die ohne jeden Bezug zur kultischen Praxis rein empirisch mit Operationen, Diätetik (Gesundheitsregeln), Klistieren, Massagen, Bädern, kaltem Wasser und Musik bei Geistesstörungen arbeiteten, profitierten vom Charisma des Gottes. Asklepiades von Bithynien, das letzte Mitglied dieser Ärztedynastie praktizierte zur Zeit Ciceros in Rom und hinterließ uns Abhandlungen über Pulsdiagnostik und Atmung. Während das Wahrsage- (Mantik) und Ärztewesen (Iatrik) seit
alters als Betätigungsformen des einen Apollo galten und die religiöse
Dimension im hippokratischen Eid noch anklingt ("Ich schwöre
und rufe Apollo den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakei und alle
Götter und Ärztliche Kunst und Prognose Breiten Raum widmete Hippokrates der Lehre von den prognostischen Zeichen,
die den Arzt vor Fehlschlägen schützen bzw. diese vorankündigen
sollen. Ähnlich wie heute schulmedizinisch 'unheilbar' Erkrankte
Zuflucht bei einem Geistheiler oder der Aufname religiöser Übungen
suchen, wurde göttlicher Einfluss nur noch bei einem unheilbaren
Verlauf in Betracht gezogen. Entgegen den Überlieferungen des Asklepioskultes, wo ausschließlich Erfolge berichtet wurden, regte Hippokrates mit der Anlage von Krankengeschichten auch die Aufzeichnung des genauen Verlaufes und von Symptomwechseln an. Das bis heute von Ärzten und Therapeuten praktizierte Schema von Anamnese (Vorgeschichte), Diagnose und Therapie geht auf ihn zurück. Ein alter Disput... Von einer Geringschätzung psychologischer Faktoren, die in den religiösen
Kulten dominieren, zeugen Anmerkungen über das rechte Verhalten des
Arztes: Psychologie bleibt beschränkt auf die Vorbereitung des Krankenbesuchs
und auf ein höfliches, bestimmtes und hilfsbereites Verhalten, um
ein gutes Vertrauensverhältnis zu sichern. Psychosozial bedingte
Störungen wurden offenbar schon von den biologisch orientierten,
hippokratischen Ärzten 'medikalisiert' und psychologisches Wissen
-wie heutzutage an unseren psychiatrischen Kliniken- als 'Schmiermittel'
verwendet, um die fehlende Wirkung macher medizinischen Interventionen
zu verdecken. Erstmals in der Medizingeschichte wird hier der Widerspruch von "übernatürlichen
Verursachungstheorien" und den nicht bestreitbaren Erfolgen einer
psycho-spirituellen Heilpraxis benannt. Zur damaligen Zeit war es mangels
psychotherapeutischer Theorien und Forschungsergebnisse (z.B. der Parapsychologie)
nicht möglich, die tatsächliche 'Effizienz' dieser Praktiken
zu erkennen. Amüsant wirkt auf uns daher die Polemik hippokratischer
Ärzte gegen die damaligen Volksheiler: "Wenn der Kranke nämlich
wie eine Ziege schreit und mit der rechten Seite zuckt, dann sagen sie,
die Gottesmutter sei schuld, wenn er aber noch schriller und lauter schreit
vergleichen sie es mit dem Wiehern eines Pferdes und sagen, Poseidon sei
schuld; wenn er dabei auch Kot abgehen läßt, was häufig...vorkommt,
wird die Krankheit nach der Enodia genannt...Wenn der Kranke Schaum vor
dem Mund hat und mit den Füßen um sich stößt, dann
ist es Ares...Und nun wenden sie Reinigungen und Besprechungen an und
vollziehen, wie mir scheint, eine ganz unheilige und gottlose Handlung.
Denn sie reinigen die von der Krankheit Reservate des Göttlichen Für die Hippokraten war das Göttliche noch in den vom Menschen
nicht beeinflußbaren klimatischen Faktoren präsent. Dabei ging
es Hippokrates weniger um eine Art Emanzipation von der Religion, sondern
um eine Versöhnung des Göttlichen mit der Physis, dem Materiellen,
in deren Gesetzen es sich offenbart. Revitalisierung? Wie wir in der nächsten Folge sehen, waren es die eleusinischen Erfahrungen, welche jenes Gleichgewicht zwischen rationaler „Wissenschaft„, Philosophie, Kunst und politischer Ordnung ermöglichten, das uns an der altgriechischen Kultur bis heute fasziniert und ihre weltweite Wirkkraft wachhält. Eleusis: Initiatischer Drogenkult und abendländische Kultur (Teil 3) Noch heute heisst jener Weg, der an den Resten des Eleusinions unterhalb der Athener Akropolis als panathenäischer Festweg beginnt, in seinem weiteren Verlauf zum 22 Kilometer entfernten Eleusis hiera odos, heilige Strasse. Wieviele jener Zehntausende, die sie auf der Nationalstrasse täglich in Richtung Korinth befahren, werden noch ahnen, was in den 2-3000 Initiaten vorgegangen sein mag, die alljährlich diesem ‘Weg nach Eleusis’ folgten? Doch weder die architektonischen Reste in Eleusis noch die geistige Sprengkraft des Kultes beeindruckten mich während meiner Recherche vor Ort mehr als ein ganz unscheinbarer Fund: In einer Felsnische im sog. Plutonium, wo man in einer höhlenartigen Öffnung genau in der Verlängerung des hiera odos den Eingang zur Unterwelt wähnte, lagen frisch dort plazierte Blumen und Weizenähren, - Symbole für Tod- und Wiedergeburt der einstigen Initiaten. Bei einigen Ortsansässigen haben sich offenbar Ahnungen erhalten. Genau über dem Plutonium steht zudem eine christliche Kapelle, die der Gottesmutter Maria als Kornherrin gewidmet ist. Die kleinen Mysterien Mit Ausnahme von Mördern konnte jeder Griechischsprechende an den
eleusinischen Mysterien teilnehmen, selbst Sklaven. Seit dem Jahre 146
v. Ch. konnten auch alle Männer und Frauen des römischen Reiches
teilnehmen, sofern sie des Griechischen mächtig waren. Es handelte
sich nicht um eine typische Jugendinitiation, sondern um etwas wie eine
Reifungsinitiation, 19 Jahre war die Altersuntergrenze! Die erste Stufe
der Einweihungen, die kleinen Mysterien, welche den Initianten zum sog.
mystes machten, wurde im Februar im Athener Heiligtum der Demeter in Agrai
(das „Wildfeld„) gefeiert. Nach den Studien von Dieter Lauenstein
(„ Die Mysterien von Eleusis„) sammelten sich die Teilnehmer
zunächst im Kronos-Tempel (Gott der Zeit), ihre Kleidung und Kenntnis
der Geheimworte wurde geprüft, nach Waschung und Räucherung
erhielten sie Gesicht und Handrücken mit weissem Kalklehm bestrichen.
Danach führte die Priesterin mit rascher Bewegung eine brennende
Fackel um den Leib. In einem Würfelspiel sollte jeder Initiant nun
einen Titanen („Erdgebundener„, Mittler zwischen Menschen-
und Götterwelt) als seinen Geistführer bestimmen. Die Männer
verzehrten rohes Hirschfleich, „Tote„ mit geweissten Gesichtern
nahmen den Frauen noch vorhandenen Schmuck ab. Von einem Hermes-Priester
geführt schreiten die Mysten später hinauf zum Poseidon-Tempel,
vorne die „Toten„ mit Mädchen und Frauen, dahinter die
Männer, welche von „Wölfen„ angefallen werden, die
mit Dornenzweigen auf sie einschlagen. Es folgen ritualisierte Dialoge
und Anrufungen, in denen die Figuren der griechischen Götterwelt
auftreten, z.B. Nach weiteren, der Mythologie entnommenen Ritualen geht „Aphrodite„
hinab zum ‘Tempel der Mütter im Tal’, entzündet
ein Feuer neben dem Altar, daneben nehmen Moiren und Erynnien (Schicksals-
und Rachegöttinnen) Platz. Von Hermes geführt folgen „Tote„
und Mysten bis zu den sechs zwischen Altar und Tempel stehenden Thronen
und er fordert sie auf: „Fraget mit heiliger Scheu nach dem Schicksal
des Erdkreises, der Stadt und zuletzt eurer selbst„. Jede der sechs
Priesterinnen fragt den Mysten: „Was sahst Du?„ Berichtet
der Initiant nichts Ausserordentliches, dann hiess es: „Geh’
zu Pan und würfle bei Deinem Satyrn„ als Wink, dass er sich
noch an irdisch-stoffliches klammert und Anregung von aussen benötigt.
Sie wiederholen Namen und eigene Deutung ihres ausgewählten Titanen
und würfeln ein zweites Mal. Ist es derselbe Heros, dann erwidert
der Satyr, auf den Mysten warteten wie auf den heimkehrenden Odysseus
‘viele Freier um seine Seele’, wobei ihm sein Titanen-Heros
helfe, seine Seele nicht zu verlieren. Freier im Sinne von Verführern
der Seele sind Ehre, Waffen, Macht, Furcht, Verliebtheit und Reichtum.
Die „Eleusinien„ Die grossen Mysterien Die äusserlich beobachtbaren Vorgänge während der nächtlichen Initiation lassen sich nach Lauenstein aus den sog. homerischen und orphischen Hymnen, Abschnitten aus Homer‘s Ilias und Odyssee, Stellen in Apuleius‘ Metamorphosen etc. rekonstruieren. Danach oblag die Leitung von Szenen aus der griechischen Mythologie und Götterwelt, welche nach Lauenstein zu den Mysterien gehörten, drei Priestern (Hierophant, Herold, Fackelträger), sowie zwei Priesterinnen für Demeter und Artemis. Ferner wirkte ein 8-12-jähriger Ministrant als ‚Knabe vom Herd‘, der die Feuerstelle im Anaktoron, dem ältesten Teil des Telesterions zu versorgen hatte. Als Musik gab es Bläser, welche das Element Luft darstellten, Saiteninstrumente für Wasser, ferner Zimbeln und Becken mit tiefem Klang. Da die Architektur aufgrund des ‚Säulenwaldes‘das Telesterion als Theaterraum ungeeignet macht, handelt es sich bei den von Lauenstein meisterhaft rekonstruierten Szenen wohl eher um Episoden, welche jene inneren Visionen anregen und führen sollten, die der Genuss des kykeon bei den Initianten auslöste. Wann dieser eingenommen wurde ist noch ungeklärt. Das Mischen des Trankes in einem besonderen Gefäß, dem kernos, bildete eine eigene Zeremonie. Ein im Museum von Eleusis gezeigtes Gefäss besteht aus einer zentralen Schale und darum herum angeordneten Näpfchen., in denen sich tierische und pflanzliche Produkte befanden, die alle im Detail bekannt sind. Der kernos wurde von kernos-Trägerinnen tanzend auf dem Kopf balanciert. Nach ihrer Ankunft schritten die Initianten in den ersten Hof der Anlage, wo ihnen die Regeln verlesen wurden (z.B. das Anaktoron nicht zu betreten). Vermutlich wurde hier oder vor dem Einzug in das Telesterion der Becher mit dem kykeon geleert. Nachdem auch der Hierophant getrunken hatte, warteten die bis zu 3000 Initianten auf ihre Visionen, welche von dem Auftreten griechischer Göttergestalten gefördert und strukturiert wurden. Die Szene des Verlesens wurde später in einem Wandgemälde in der ‚Villa dei Misteri„ in Pompeji, wo reiche Familien die Mysterien nachstellten, eindrucksvoll wiedergegeben. Im Vorhof sehen die Mysten nun Demeter als um den Verlust ihrer Tochter trauernd neben dem Kallichoros-Brunnen sitzend. Demeters Magd Jambe tanzt nackt ‚den Rückweg des Menschen zu seinem Ursprung‘, der Empfängnis. ‚Tote‘ treten auf. Demeter entfernt sich, und als ihr die Initianten folgen wollen, wird hinter der Mauer zum nächsten Hof eine Steinlawine ausgelöst, die über den Weg donnert. Mit dem Ruf ‚Mut ihr Mysten!’ leitet nun der Fackelträger die Schar ins Innere der Anlage, vorbei am Kriegsgott Ares, der als ‚Steinwerfer‘ oben auf dem Felsen erscheint, an Demeter, die als Antaia (Gespenstische) verhüllt sitzt und den Moiren, den Schicksalsgöttinnen. Vor dem Tor der Einweihungshalle, dem Telesterion, sitzt die Göttin
Rheia in ein Trauergewand gehüllt, während die Moiren sie umtanzen.
Als sie in das Telesterion eintritt, folgen ihr die Mysten und Prometheus,
der Lichtbringer erscheint. Von Fackeln schwach erleuchtet, suchen sich
die Mysten auf den steinernen Stufen der 54 mal 54 Meter grossen Halle
ihre Plätze. Nahe des Anaktorons sitzt der Hierophant (‚der
die heiligen Zeichen zeigt‘), in der rechten Hand einen Rohrstab,
in der linken eine goldene Gerstenähre. Der Mythos Thema des Mythos ist die Individuation durch Lösung aus mütterlich-festhaltenden Energien, was für die Initianten erlebnismässig auf dem Wege einer 'zweiten Geburt' (Hinabsteigen in die Erde, Begegnung mit Tod und Urgewalten, Rückkehr ans Licht) geschieht. Vielfach wurde dieser Mythos, der viele Seiten von Homers Odyssee füllt, als die ergreifendste und schönste Schöpfung der griechischen Geisteswelt gepriesen. Goethe liess sich von ihm zu Faust’s ‘Gang zu den Müttern’ inspirieren. Das Geheimnis der Wandlung Als mit dem Beginn der Hexenverfolgungen Wesen und kulturgeschichtliche Funktionen sakraler Pflanzendrogen in Europa verunglimpft wurden, mag uns die Annahme, dass wir das Morgenrot unserer höchsten Ideale wie Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und manches griechische Meisterwerk bildender und darstellender Kunst, Erfahrungen unter Drogeneinfluss zu verdanken haben, geradezu frevlerisch erscheinen. Wir sollten uns aus anerzogener Artigkeit jedoch keine Denkverbote auferlegen lassen und einräumen, dass Geistesklarheit und Ästhetik, wie wir sie an den Griechen so gerne bewundern, nur entstehen kann, wenn zuvor der 'innere Hades', verwirrende, gewaltvolle und oft dämonische Erfahrungen im Verlauf des Geburtsprozesses, durchschritten sind. Aufgrund seiner Erfahrungen bei Psychotherapien mit LSD und der holotropen Atemarbeit hat Stanislav Grof einen spontanen, dem Geburtsprozess folgenden Erlebensablauf gefunden, der für die altgriechischen Initiaten offenbar ganz bewusst rituell inszeniert wurde: Phasen einer unentrinnbaren, ewig währenden Höllenpein und Ausweglosigkeit, dämonische Kämpfe, Zernichtung des Ich, Ersticken und Todeserfahrung, bis hin zu explosionsartiger Befreiung und Licht. Ein Text des athenischen Redners Themistios besagt jedenfalls, dass die Initiaten im Telesterion nach ‘mühevollem Umherschweifen in völliger Dunkelheit, Grauen, Schweiss und Entsetzen erfuhren bis ihnen ’ein wunderbares Licht erschien, reine Gegenden und Wiesen, wo Klänge und Tänze und ehrfurchtgebietende heilige Töne, Worte und Erscheinungen ihnen begegneten’. Die kulturvergleichende Bewusstseinsforschung belegt, dass vor Beginn
der Kolonialkriege und Auch die vielfach geäusserte Skepsis, dass auch noch so eindrucksvolle Rituale und Zeremonien nicht in der Lage seien, in einer einzigen Nacht derart tiefgreifende und fortwirkende Erlebnisse auszulösen, wie sie einhellig und über mehrere Jahrhunderte hinweg von den eleusinischen Initiaten angedeutet wurden, spricht dafür, dass hier Substanzen zur Anwendung kamen, welche das innere Erleben der Initiaten intensivierten. Heilige Pflanzen im alten Griechenland Fundierte Beweise für diese These erbrachte erst eine minutiöse
Analyse des altgriechischen Schrifttums durch den Altphilologen Carl A.P.
Ruck, welche im Buch 'Der Weg nach Eleusis" publiziert wurde. Er
weist zunächst darauf hin, dass im Zentrum der vorgriechischen Ackerbauvölker
die Fruchtbarkeit der Frau und der Zyklus von Tod und Wiedergeburt in
der Pflanzenwelt steht. Hauptereignis dieser Religionen war die 'heilige
Hochzeit', die Vereinigung der Oberpriesterin mit einem Vegetationsgeist,
der sowohl als Gemahl wie als Sohn erscheint. In Eleusis ist es Triptolemos,
der mit der Gerstenähre das auferstandene Korn, die Wiedergeburt
symbolisiert, eine Version des Dionysos-Kultes. Ruck legt nun zahlreiche
Indizien dafür vor, dass jenem Trank kykeon ein starkes Halluzinogen
beigegeben war: Initiation und Kulturentwicklung
Bleicken, J., 1994, Die athenische Demokratie. Paderborn: Schöningh
Bücher von Walter Andritzky: - Schamanisches Heilwissen - Traditionelle Psychotherapie und Schamanismus in Peru - Schamanismus und rituelles Heilen im Alten Peru, 2 Bde. - Vielfalt in der Therapie - Alternative Gesundheitskultur. Eine Bestandsaufnahme und Teilnehmerbefragung. - Wege zur Psychotherapie
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